Vier statt Zwei: (Relativismus und Universalism)2

Sowohl der in der Süddeutschen Zeitung erschiene Beitrag als auch einige der im Blog versammelten interventions scheinen von der problematischen Annahme auszugehen, dass Relativismus und Universalismus ein sich gegenseitig logisch ausschließendes Paar konstituieren. Mit anderen Worten: entweder man ist Relativist oder man ist Universalist. Das Hauptproblem dieser Annahme ist die Verkennung der Tatsache, dass jede Aussage auf zwei Arten als universalistisch oder relativistisch verstanden werden kann: einerseits mit Bezug auf die in der Aussage enthaltene Proposition, anderseits mit Bezug auf die Gültigkeit der Aussage selbst. Dies führt dazu, dass die Debatte eigentlich entlang vier möglicher Alternativen geführt werden müsste.
 
Um die Konfusion aufzuklären, nehmen wir als Beispiel eine häufig als kulturrelativistisch verstandene Proposition: „Jede soziale Praxis muss abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden.“ Hier haben wir eine relativistische Aussage (Praxis ist relativ zu, d.h. abhängig von, Kultur), die universelle Gültigkeit beansprucht (universeller Relativismus). Die Proposition, die zumeist mit dieser Aussage kontrastiert wird, ist die Folgende: „Es gibt keine soziale Praxis, die abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.“ Oder noch einmal ins Positive gewendet: „Jede soziale Praxis muss unabhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden.“ Hierbei handelt es sich jedoch nicht um die logische Negation des universellen Relativismus, d.h. es handelt sich nicht um einen relativen Universalismus, sondern um einen universellen Universalismus. Ein Beispiel für einen derartigen universellen Universalismus wäre der Versuch, jede Handlung entlang universell gültiger Kosten-Nutzen Rechnungen zu analysieren. 
 
Die logische Negation des universellen Relativismus ist jedoch die folgende Aussage: „Es gibt mindestens eine soziale Praxis, die unabhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss“ (relativer Universalismus). Hiervon ausgehend lässt sich dann auch die vierte logische Möglichkeit bilden: „Es gibt mindestens eine soziale Praxis, die abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss“ (relativer Relativismus). Es gibt also die folgenden vier Möglichkeiten:
 
1. Universeller Relativismus: „Jede soziale Praxis muss abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden.“ 
 
2. Universeller Universalismus: „Jede soziale Praxis muss unabhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden.“
 
3. Relativer Universalismus: „Es gibt mindestens eine soziale Praxis, die unabhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.“ 
 
4. Relativer Relativismus: „Es gibt mindestens eine soziale Praxis, die abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.“
 
Mit Hilfe dieser Aufteilung wurde mir zunächst klar, warum ich als Außenstehender häufig das Gefühl hatte, in diesem Blog einer Scheindebatte zu folgen. Dies liegt schlicht darin begründet, dass der relative Universalismus und der relative Relativismus zueinander nicht in einem grundsätzlichen Konflikt stehen, d.h. man kann – zeitgleich und ohne sich in logische Widersprüche zu verwickeln – sowohl relativer Universalist wie auch relativer Relativist sein. So ließe sich die Position von Christian Weber wohlwollend als die eines relativen Universalisten lesen („Es gibt mindestens eine soziale Praxis [Genitalverstümmelung], die unabhängig von kulturell spezifischer Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.“). Die Position von Cora Bender hingegen als die einer relativen Relativistin („Es gibt mindestens eine soziale Praxis [Maskentänze und Geschenkfeste der Kwakiutl], die abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.“)
 
Hieraus folgt, dass es zwei mögliche Debatten gibt, die vor dem Hintergrund der Frage nach dem Kulturrelativismus geführt werden können. Zunächst die in diesem Blog primär geführte Debatte nach der Frage, welche Praktiken in Abhängigkeit von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden müssen und welche nicht. Dann jedoch auch die eine Abstraktionsebene höher angesiedelte Debatte, die zwischen den folgenden vier Positionen geführt werden müsste: 
 
1. Universeller Relativismus ∧ Universeller Universalismus: „Jede soziale Praxis muss abhängig von und unabhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden.“ 
 
2. (Radikaler) Universeller Relativismus: „Jede soziale Praxis kann allein und ausschließlich vor dem Hintergrund von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden.“
 
3. (Radikaler) Universeller Universalismus: „Jede soziale Praxis kann allein und ausschließlich mit Bezug auf universell gültige Prinzipien verstanden werden.“ 
 
4. Relativer Universalismus ∧ Relativer Relativismus: „Es gibt mindestens eine soziale Praxis, die mit Bezug auf universell gültige Prinzipien, und mindestens eine soziale Praxis, die abhängig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.“
 
Die Auflistung der ersten Möglichkeit mag zunächst überraschen. Zu Unrecht, da es – wie beispielsweise Claude Lévi-Strauss strukturalistisches Projekt zeigt – keinen logischen Widerspruch zwischen universellem Relativismus und universellem Universalismus gibt: Es ist denkbar, dass jede Handlung sowohl abhängig von kulturell spezifischen Werten als auch unabhängig von kulturell spezifischen Werten erklärt werden muss (so könnte die Struktur jeder Handlung universell gültigen Prinzipien, der Inhalt hingegen kulturspezifischen Prinzipien unterliegen). Reflektiert man intensiv über die Unterschiede zwischen diesen vier Alternativen, wird einem außerdem schmerzhaft bewusst, dass es in der Ethnologie bislang kaum befriedigende Varianten des radikalen universellen Relativismus gibt. Dies liegt darin begründet, dass Varianten des Kulturrelativismus zumeist eine soziale Praxis aus ihrer Allaussage herausnehmen und somit zu Formen des relativen Universalismus werden. Gemeint ist hierbei natürlich die soziale Praxis des Kulturrelativismus selbst. Vor diesem Hintergrund könnte Christian Webers Artikel auch als ganz anders gelagerte Provokation gelesen werden: nämlich als Aufforderung, eine befriedigende Antwort auf die folgende Frage zu finden: Wie könnte ein Kulturrelativismus aussehen, der zu sich selbst ein relatives Verhältnis hat? 

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