Die Bedeutung der Ethnologie im Zeitalter von Brexit

Ganz ehrlich gesagt ist der Artikel von Christian Weber in der Süddeutschen Zeitung an mir vorbeigegangen. Ich lebe seit 2004 in Großbritannien und habe mit Brexit genug Probleme. Auch ist die Ethnologen-Dresche leider kein Einzelfall. In Brasilien, meinem derzeitigen Forschungsfeld, werden Ethnologen in polemischen Zeitungskampagnen oftmals als naive Verteidiger der Indigenen angegriffen, vor allem wenn sie indigene Landrechte verteidigen. Dabei wird von den Gegnern gerne mit der wachsenden Zahl großstädtischer Obdachloser argumentiert, die das Land bräuchten. Allerdings geht es in der Regel um Land für den industriellen Anbau von Soja oder der Zucht von Rindern, und Obdachlose gehen leer aus. Und auch in Großbritannien, wo Ethnologie sogar in einigen Schulen gelehrt wird, gerät das Fach zunehmend unter Beschuss, wobei der Vorwurf des Kolonialismus eine nützliche Waffe ist. Auf der anderen Seite ist das Interesse an ethnologischen Themen und ethnologischer Methodik größer denn je. Der Begriff der Ethnographie wird zunehmend von Soziologen und anderen Empirikern als Synonym für qualitative Methodik verwendet, ohne allerdings Ethnographie so wie in der Ethnologie zu praktizieren. Was mich bei der Debatte um den Kulturrelativismus aber vor allem stört, ist die Art und Weise, wie auf Franz Boas und sein Werk eingegangen wird. In meinem Beitrag geht es daher um die Bedeutung von Boas im 21. Jahrhundert, im Zeitalter von Brexit. 
 
Wenn er lediglich als Vater des Kulturrelativismus gewürdigt wird, wird ignoriert, dass für Boas die Ethnologie keineswegs stumm angesichts von Menschenrechtsverletzungen war. Er war zwar kein politischer Aktivist, der Barrikaden stürmte. Für ihn war aber die Kulturanthropologie seine Art und Weise des politischen Aktivismus. Zu einer Zeit, in der Frauen in der Wissenschaft in der Regel übersehen oder nur geduldet waren, förderte er Frauen und schickte sie, genau wie seine männlichen Studenten, allein auf Feldforschung, trotz aller Warnungen von Kollegen, dass Frauen dazu nicht in der Lage seien. Zu einer Zeit, in der indigene Kinder in Internate verschickt wurden, um sie gewaltsam zu „integrieren“, machte Boas Tonaufnahmen von Liedern und Mythen, die uns indigene Kultur besser verstehen helfen. Und als der Nationalsozialismus ganze Kulturen für lebensunwert erklärte, kämpfte er mit seinen Schriften gegen den Rassismus an. Dabei scheute er sich nicht, unbequem gegen den Strom zu schwimmen: Wegen seiner Forderung nach Gerechtigkeit auch für Deutschland wurde er aus der American Anthropological Association ausgeschlossen, wegen seines Antirassismus von der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (in der Nazizeit – aber hat sie sich je dafür entschuldigt?).
 
Boas forschte in Nordamerika und engagierte sich für das Recht der indigenen Bevölkerung auf eigene Kulturen. Heute würde er viele indigene Gesprächspartner in den Großstädten seines Landes finden. Dementsprechend wird ethnologische Forschung heutzutage zunehmend in Großstädten oder im eigenen Land ausgeführt. Ich habe beispielsweise in New York City und São Paulo geforscht. Angesichts der enormen gesellschaftlichen Veränderungen, die Deutschland derzeit aufgrund der Öffnung der Grenzen 2015, aber auch da Deutschland seit langem ein Einwanderungsland ist, durchmacht, ist es wichtiger denn je, Ethnologie im eigenen Land zu betreiben. Ethnologen lernen im Studium, Menschen in ihren eigenen Situationen aufmerksam zu beobachten. Dabei werden Spannungen aufgedeckt, nicht nur zwischen ethnischen, sondern auch intraethnischen Gruppen (beispielsweise zwischen Geschlechtern oder Altersgruppen). Diese Spannungen sind in Deutschland regelrecht greifbar und daher braucht Deutschland Ethnologen heute mehr denn je, um genau diese Spannungen besser zu verstehen. Und auch in Großbritannien, wo sich Ethnologen eher als Sozialwissenschaftler anstatt Geisteswissenschaftler verstehen, wäre es angebracht, sich an Boas zu erinnern, gerade angesichts der Spannungen zwischen den oppositionellen Feldern der Brexit Kampagne, die 2016 das Land spaltete. Wenngleich im Anschluss an das Referendum zahlreiche wissenschaftliche Verbände ihre Verbundenheit zu Europa bekundeten, frag ich mich, ob dabei wirklich die Menschen im Mittelpunkt stehen, die wie ich völlig fassungslos von dem Ergebnis getroffen wurden, oder die Forschungsgelder von der EU. Boas hätte das Referendum zwar nicht beeinflussen können, aber er wäre nicht stumm angesichts der ausländerfeindlichen Übergriffe geblieben. 
 
Aber auch die Ethnologie selbst könnte sich wieder verstärkt ihres Erbes bewusst werden wie ein kurzer Blick auf mein Forschungsfeld zeigt. So forsche ich seit einigen Jahren über Religionserfahrungen wie Geisterbesessenheit und Trance, ein Bereich, von dem viele Ethnologen Abstand nehmen, da sich diese Erfahrungen im individuellen Inneren abspielen. Wenngleich Rituale, in denen Besessenheit stattfindet, im Mittelpunkt ethnologischer Forschung stehen, bleibt es in der Regel bei einem Außenblick auf die theatralische Performance. Boas Forschung über die materielle Kultur der Inuit und den Nordwestküsten-Indianern führte ihn zu der Erkenntnis, dass jede Kultur einzigartig sei. Diese Betonung der individuellen, einzigartigen Aspekte einer Kultur ist für mich die Grundlage der heutigen Ethnologie. Anstelle Begriffe aus unserer Kultur, wie beispielsweise Gott oder Seele (oder auch Besessenheit) auf andere Kulturen zu übertragen, zeigt Boas, wie wichtig es ist, Konzepte in ihrem kulturellen oder religiösen Kontext zu verstehen. In dieser Tradition plädiere ich dafür, Geisterbesessenheit und Trance als deiktische Begriffe zu verstehen und deren lokale Bedeutung zu erkunden (2016). In Boas Werk zeigt sich eine deutliche Kritik an den funktionalistischen Interpretationen von Religion, welche die Sozialanthropologie seiner Zeit dominierte und die heute durch die derzeitige Welle kognitiver Religionsforschung erneut im Aufschwung ist. Bei diesen Deutungen über die möglichen Funktionen von Besessenheit wird übersehen, dass es sich hierbei lediglich um Interpretationen handelte, keineswegs um universelle Modelle (wenngleich kognitive Ethnologen das gerne behaupten).
 
Vielleicht ließe sich Boas Erbe auch auf ein Feld übertragen, das der klassischen Ethnologie fremd ist. In der ethnologischen Forschung über sogenannte außergewöhnliche Erfahrungen argumentieren bspw. David Young und Jean-Guy Goulet (1994) vehement gegen generelle Wahrheitsansprüche und weisen auf die Grenzen der singulären westlichen Denkweise hin. Wenngleich sie sich nicht in die Tradition von Boas stellen, sehe ich sie dennoch in einer Linie mit ihm. So plädieren sie für die Möglichkeit einer „multi-faceted view of reality“ und verweisen zur Illustration auf den Film Rashomon (1950, Regie: Akira Kurosawa). In dem Film wird ein Ereignis (ein Mord) aus der Sicht unterschiedlicher Akteure gezeigt, ohne dem Zuschauer am Ende ein eindeutiges Ergebnis anzubieten, sondern vielmehr ein facettenreiches Verständnis der Realität. Young und Goulets Argumentation hat Ähnlichkeit mit Eduardo Viveiros de Castro und seiner Theorie des Perspektivismus (1998, 1992), denn auch Viveiros de Castro plädiert neben der menschlichen Perspektive auch die Perspektiven anderer Wesen einzubeziehen, sei es nun die Perspektive von Geistern oder Tieren. Dabei erhebt Viveiros de Castro für die unterschiedlichen Perspektiven keinen Wahrheitsanspruch, wie ja auch Rashomon am Ende offen lässt, welche Version des Ereignisses (ob überhaupt) wahr sei. Diese Offenheit geht nun einigen zu weit – oder aber nicht weit genug. So fordern zunehmend Ethnologen, die dem derzeitigen Trend der ontologischen Debatte folgen, Geister ontologisch als real zu akzeptieren und nicht nur als Repräsentationen zu betrachten. Aber auch das ist ja lediglich eine Interpretation. So habe ich Geisterbesessenheit in unterschiedlichen Traditionen in Brasilien erforscht, die alle jeweils eine andere ontologische Definition der Geister und Götter vertraten. Ich musste nicht nur von meiner eigenen Vorstellung von Realität Abstand nehmen, sondern auch von den Vorstellungen der Interviewten, um allen gerecht zu werden. Wie Kurosawa so anschaulich in Rashomon zeigt, gibt es keine einzige Sicht auf ein Ereignis, vielmehr polyphone Perspektiven.
 
Aber natürlich können wir als Ethnologen nicht dabei stehen bleiben. So ist die Ethnologie eine Wissenschaft, in der es um Analyse und Interpretation geht und damit auch um kritisches Hinterfragen und Verantwortung. Die Kritik der ontologischen Debatte an der Betrachtung der Geister und so fort als ledigliche Repräsentation ist daher auch nichts neues in der Ethnologie, sondern schließt an die Kritik an der repräsentativen Macht an, welche die Ethnologie im Zuge der feministischen Wende bereits vor Jahrzehnten veränderte. Gerade in der Religionsethnologie sind wir uns überaus bewusst, wie stark unser wissenschaftliches Vokabular durch Machtpositionen geprägt ist und wie vorsichtig wir mit der andauernden Verwendung solcher Kategorien sein müssen. Nicht der Zeitungsartikel, von dem dieser Blog ausging, aber die Besinnung auf Boas zeigt uns das. 
 
 
Literaturhinweise
 
Schmidt, Bettina E. 2016, Spirit and Trance in Brazil: Anthropology of Religious Experiences, London.
Viveiros de Castro, Eduardo B. 1992, From the Enemy’s Point of View: Humanity and Divinity in an Amazonian Society [Araweté: Os deuses Canibais], Chicago.
Viveiros de Castro, Eduardo, 1998, Cosmological Deixis and Amerindian Perspectivism, in: Journal of the Royal Anthropological Institute. 4(3), 469-488.
Young, David E. und Jean-Guy Goulet 1994, Introduction, in: David E. Young und Jean-Guy Goulet (ed.), Being Changed by Cross-Cultural Encounters: The Anthropology of Extraordinary Experience. Peterborough, Ontario, 7-13. 

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