Aufklärung und Relationismus

Beherrscht die (Sozial- und Kultur-)Anthropologie eine Universalsprache, mit der sie sich überall verständlich machen könnte? Ist sie in der Lage, restlos zur Sprache zu bringen, was den Leuten selbst unaussprechlich bleibt, was Tabus und Schweigegeboten unterliegt oder wovon andere nur vorsprachlich wissen? Hat sie ein exklusives Mandat dazu? Niemand würde diese Fragen mit einem dreifachen „Ja“ beantworten und „anthropologisch forschen“ mit „Aufklärung betreiben“ übersetzen. Kein anderes Fach hat sich so gründlich mit dieser und anderen fragwürdigen Autorisierungen wissenschaftlicher Repräsentation auseinandergesetzt. Kein Fach ist sensibler für ganz unterschiedliche Spielarten dafür, „Wissenschaft“ im Namen der „Aufklärung“ zu missbrauchen.
 
Aus Perspektive eines soziologischen Nachbarn, der sich ethnografischer Forschungsansätze bedient, bestätige ich gern: Die Anthropologie weiß, was es heißt, Wahrheitsansprüchen eine Stimme zu geben. Sie kennt sich aus mit den Modalitäten, etwas zur Sprache zu bringen. Wie dieser Blog dokumentiert, hält sie viel auf diese Expertise. Sie zeigt sich empfindlich für eine Kritik, die mit einem bemängelten Einzelfall gleich die ganze Disziplin an den Pranger stellt. Den Vorwurf, sie überziehe ihr Mandat, wenn sie im Namen der Wissenschaft (und der Aufklärung) schlechten Kulturrelativismus betreibt, will sie nicht auf sich sitzen lassen. In Reaktion auf diesen Vorwurf ist ihr nun das passiert, was mir aus alltäglichen Begegnungen her vertraut vorkommt: Wenn ich, nachdem es mir zwischenzeitlich die Sprache verschlagen hatte, das Wort ergreife, um öffentlich eine Sache richtigzustellen, neige ich dazu, sehr lange zu reden. Darum eine vorsichtige Rückfrage: Haben sich die Leute vom Fach, indem sie sich hier im Blog geäußert haben, vornehmlich wechselseitig der Regeln jenes Diskurses vergewissert, der andere zuverlässig ausschließt? Haben Sie darüber die Rederechte auf Leute eingeschränkt, die sich als legitime Vertreterinnen und Vertreter der Disziplin ausweisen können? Ist das der Preis, um im Geschäft der Aufklärung eine privilegierte Position zu reklamieren?
 
Vielleicht darf ich das Rad wieder ein Stück zurückdrehen: In jene Phase der Befangenheit, die der nun wiedergewonnenen Gewissheit professioneller Autorität vorausging. Wer sich so gut mit den Modalitäten öffentlicher Äußerungen auskennt wie die Anthropologie, weiß auch um ihre Unwahrscheinlichkeit.
 
Drei Gründe laden fast immer dazu ein, dass ethnografisches Wissen stumm bleibt. Es bleibt befangen in den Beziehungen, die für seine Herstellung konstitutiv sind. Erstens beruht ethnografische Wissensproduktion auf teils sehr langfristigen Beziehungen, die Forschende zu den Leuten in ihren Forschungsfeldern aufbauen. Zweitens beruht es auf Einsichten dazu, wie die Leute im Forschungsfeld interagieren. Drittens beruht es auf einem Typ stärker vermittelter Beziehung: auf Begegnungen zwischen Selbst- und Fremdrepräsentationen des Feldes. In allen drei Hinsichten arbeitet ethnografische Forschung an einem Beziehungsgeflecht. Sie handelt sich dabei Probleme ein, die es unmöglich machen, unbeschwert das Wort zu ergreifen: Probleme der wissenschaftlichen Autorisierung einer Fremddarstellung; Probleme, die aus dem Umgang mit kollaborativen Situationen hervorgehen und als Verrat oder als Vereinnahmung denunziert werden können; Probleme der autobiografischen Überfrachtung, wenn aus der Beziehung mit dem Feld mehr über die Person der Forschenden als über die Realität der Beforschten zu erfahren ist.
 
Für die Leute vom Fach sind die angesprochenen Modalitäten des Zur-Sprache-Bringens truisms. [1] Wenn sie sich in Beziehungen verwickeln und darüber in Befangenheiten wiederfinden, dann hat das System. Diese Risiken einzugehen und die Modalitäten des Be- und Verschweigens zu erkunden: So verstehe ich die Einladung zu einer reflexiven Anthropologie, die sich der Aufklärung verpflichtet sieht, aber eben nicht einer Mündigkeit, die sich ihrer selbst immer schon sicher wäre.
 
 
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[1] Interaktionen im Forschungsfeld, Interaktionen mit dem Feld, Interaktion zwischen Selbst- und Fremdrepräsentationen des Feldes: Ich habe diese Dimensionen hier nicht systematisch entwickelt, aber unlängst in einer Reflexion meiner ersten ethnografischen Arbeit wiederentdeckt. Vgl. Jörg Potthast (Hrsg.): Sollen wir mal ein Hochhaus bauen? Faksimileausgabe, Berlin (i.E.), darin v.a. „Eine Gebrauchsanleitung“ (S. 85-95). Mit einem Uni-Siegener Seminar erkunde ich gerade, wie sich eine weitere Beziehungsdimension – ethnografische Forschung im Team – auf den Umgang mit den genannten Problemen auswirkt.

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