Vom Sinn und Unsinn des Relativismus

Ohne Zweifel gibt es romantische Idealisierungen und falsche Relativierungen – auch in den Wissenschaften. Aber hat sich damit der Relativismus erledigt? Das scheint Christian Weber mit seinem Artikel Die Mär vom edlen Wilden behaupten zu wollen, wenn er relativierenden Verstehensbemühungen pauschal falschen Romantizismus unterstellt. Einem flotten Artikel eine Debatte zu schenken, lohnt sich nur, wenn sich dahinter Diskussionspunkte ausfindig machen lassen, die den Streit lohnen. Für mich als Nicht-Ethnologe kann das nicht die Frage sein, ob schlechte Romantisierungen dieses Fach heute in einen falschen Relativismus treiben. Ich nehme den Artikel von Weber deshalb als Absprungbrett zur Frage, welchen Sinn relativistische Positionen im wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Diskurs haben. – Und der liegt m.E. gerade darin, den falschen Gegensatz von objektiver Wahrheit und falschem Relativismus aufzusprengen.
 
Gerade über den Import ethnographischer Methoden hat die Wissenschaftsforschung in zahllosen Untersuchungen gezeigt, wie Regime der wissenschaftlichen Wahrheitsproduktion in komplexe Netze lokaler Kulturen eingebunden sind und dass selbst noch die Leitvorstellungen darüber, was als objektiv wahr gelten kann, historisch wandelbar sind. Für eine einfache Gegenüberstellung relativistischer Romantisierung vs. objektiver Wahrheit mag es in allen Wissenschaftsfeldern immer wieder schlechte Beispiele geben, aber das geht am epistemisch relevanten Punkt vorbei, nämlich mit welchen Mechanismen und über welche Techniken bestimmte wissenschaftliche Praktiken so stabilisiert werden können, dass sie zu Leitvorstellungen von Objektivität gerinnen. Auch wenn sie jeweils im Namen der Wahrheit erfolgt sind, unterliegen gerade auch diese stabilisierten Wahrheitsvorstellungen historisch deutlich erkennbaren Wandlungsprozessen und keineswegs nur einem vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritt.
 
Präzise in diesem Sinne sind relativistische Positionen also ihrerseits einem Wahrheitsideal verpflichtet – und zwar einem, das nicht vorschnell von lokalen Bedingungen im Namen des Allgemeinen abstrahiert, sondern vielmehr dessen Bedingungen der Möglichkeit in den lokalen Kontexten seiner Realisierung freilegt. Dass es sich hierbei um eine problematische Konzeption handelt, hat für die Wissenschaftsforschung schon der inzwischen kanonisierte Ludwik Fleck mit seinem Buch Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache gezeigt, in dem er gegen die Vorannahmen allgemeingültiger methodischer Prinzipien des Wiener Kreises deren soziale Konstruktion herauszuarbeiten suchte. Dieser Konstruktivismus macht wissenschaftliche Tatsachen keineswegs zu bloßen Erfindungen, sondern bindet die Wahrheit und Gültigkeit wissenschaftlicher Aussagen an die Bedingungen der Kultur, auch wenn sie dabei als Aussagen verstanden werden, die über die jeweilige Kultur hinausweisen. In diesem Sinne können wir heute etwa „feststellen“, dass ägyptische Könige an Tuberkulose erkrankt waren, auch wenn es bakterielle Krankheiten in diesem Kulturkreis „noch gar nicht gab“. Aber wie eine Infektion mit diesen Bakterien zur Erkrankung führt und wie diese erfolgreich behandelt werden kann, wird gerade dieser Tage wieder intensiv diskutiert. Infektionskrankheiten gehören in Zeiten multiresistenter Keime zu den Hauptarbeitsgebieten der Systembiologie, wo vorab kaum mehr feststeht, als dass bislang für unumstößlich gehaltene Konzepte von Keim und Organismus aufgelöst werden. Damit liefert die aktuelle biomedizinische Forschung ein eindrucksvolles Beispiel, wie auch objektivierende Naturforschung einem historischen Index unterliegt.
 
Der von Fleck aufgrund seiner eigenen Erfahrungen herausgegriffene Bereich der Medizin scheint mir für die Diskussion um den Relativismus besonders geeignet, denn kaum sonst wo zeigt sich so deutlich, dass Fragen der richtigen Wissenschaft mehr sind als Diskussionen im akademischen Elfenbeinturm. Von medizinischen Aussagen hängen extrem weitreichende Eingriffe in das Leben Einzelner ab, und Gesellschaften, die es sich leisten können, verwenden substanzielle Anteile ihrer Wirtschaftsleistung auf die Finanzierung medizinischer Angebote. Gleichzeitig partizipiert die Medizin an der besonders dynamischen Forschung der Biowissenschaften, die mit ihren rasanten Fortschritten und theoretischen Umschwüngen – etwa vom genetischen Determinismus zur Epigenetik – vor allem die historische Relativität ihrer Ergebnisse unterstreichen. 
 
Und obendrein verschränken sich in diesem Bereich wissenschaftliche Erkenntnisinteressen mit den existenziellen Bedürfnissen der Betroffenen, mit ökonomischen Interessen verschiedener Akteure (auch finanzstarker Pharmaunternehmen) sowie dem Mandat zur Daseinssicherung seitens der Politik. Kurzum, der Gesundheitsbereich führt vor Augen, dass wissenschaftliche Tatsachen immer auch soziale und politische Konstruktionen sind, dass zu ihrer Feststellung permanent wissenschaftliche und politische Aushandlungsprozesse ablaufen und dass die vermeintlich bloße „Feststellung“ einer wissenschaftlichen Tatsache mit weitreichenden soziopolitischen Folgen verknüpft sein kann. So lässt sich z.B. in der Medizin beobachten, wie die Methodik klinischer Studien von Pharmafirmen geschickt benutzt wird, um ein neues Medikament trotz zweifelhafter Testergebnisse erfolgreich zu vermarkten, oder welche unerwarteten Aneignungsstrategien knappe medizinische Güter wie z.B. die Spende einer Niere in Kontexten ökonomischer Ausbeutung freisetzen – oder auch welche Anreize eine vermeintlich ganzheitliche und „traditionelle“ Heilweise gerade in westlichen Kontexten einer anonymen Maschinenmedizin entfaltet, obwohl sie der Biomedizin in Wirksamkeitsnachweisen unterlegen ist.
 
Relativismus oder Wahrheit ist hier offensichtlich die falsche Frage, vielmehr geht es um ein Kartographieren komplexer Wirklichkeiten, um der jeweiligen Sache angemessen urteilen zu können und entsprechend reflektiert politische und wissenschaftliche Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Der Artikel von Weber scheint einerseits zwar in diese Richtung zu argumentieren, wenn er etwa auf die Durchdringung vermeintlich indigener Kulturen – von der bayerischen Lederhose bis zum Lippenteller der Mursi-Frauen – mit der Globalisierung von Kapitalismus und Tourismus hinweist. Andererseits verwirft er solche Differenzierungen gleich wieder, wenn er im Namen eines unreflektierten Common Sense universalistisch gesetzter westlicher Werte die Arbeit am Verstehen solcher Verflechtungen sofort wieder verwirft. Mit der falschen Opposition von Wahrheit oder Relativismus wird so das Kind mit dem Bade ausgeschüttet – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der es mehr denn je auf Differenzierungen ankommt, weil wissenschaftliche Kritik inzwischen als Fake News abgetan wird und im vermeintlichen Rückgriff auf wissenschaftlichen Pluralismus nun jedwede Position gleichermaßen Anerkennung verdiene. Wer so argumentiert, verwechselt Relativismus mit Beliebigkeit und unterläuft die geforderte Anstrengung der Differenzierung, ganz gleich ob das nun eine hermeneutische oder deskriptive oder methodische Differenzierung ist. Der relative Wert einer Wissensform und die relative Funktionalität einer Praxis gehören zur Komplexität der Wirklichkeit; sie im Namen einer allgemeingültigen Wahrheit zu einfach zu ignorieren, unterstreicht hingegen die Machtförmigkeit dieses Wahrheitsanspruchs. Hier muss eine politische Debatte über Formen des Wissens und die Effekte angeblich objektiver Aussagen ansetzen. Der Hinweis auf den lokalen Vermarktungswert großer Lippenteller wäre eine solche Differenzierung, wenn der Autor nicht aus diesem Beispiel auf die Beliebigkeit der ethnologischen Perspektive schließen würde. Mit seiner Entdifferenzierung hingegen läuft der Artikel Gefahr, dem Populismus Vorschub zu leisten, weil er dazu beiträgt, das Fremde zu stigmatisieren.
 
Zurück zur Medizin. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich weltweit eine bemerkenswerte Wende von wissenschaftlich-theoretisch verbürgter Wahrheit zu klinisch nachgewiesener Wirksamkeit vollzogen. Unter dem Namen der Evidenz basierten Medizin (EBM) wurde die Vorrangstellung der Grundlagenforschung für klinische Entscheidungen abgeschafft und durch Leitlinien auf der Basis von Metaanalysen großer klinischer Studien für die meisten klinischen Probleme ersetzt. An die Stelle der Wahrheit der Theorie trat damit die relative Wahrscheinlichkeit einer therapeutischen Wirkung. Aber dabei lässt sich gar nicht entscheiden, ob das ein Sieg des Relativismus war, weil nämlich ein neues Objektivitätsregime Einzug gehalten hat, das u.a. die alten Wahrheiten ihrer relativen Abhängigkeit von idealisierten Laborwelten überführen wollte. So zeigt sich einmal mehr, wie der falsche Gegensatz von Relativismus und Wahrheit an den Problemen vorbeigeht.
 
Im aktuellen Regime der Medizin eröffnen sich nicht nur neue Handlungsoptionen für Pharmafirmen (wie oben angedeutet) oder für Vertreter alternativer Heilpraktiken, z.B. weil sie nicht mehr (vergeblich) für die Wahrheit ihrer Theorie streiten müssen, sondern deren Effizienz demonstrieren können. Das sah im ersten Schritt nach einer Ent-Dogmatisierung der Biomedizin als Rückbesinnung auf ihre praktische Basis aus. Aber inzwischen hat sich die EBM als neues Dogma etabliert, das die Unhintergehbarkeit objektiver Daten mit den strengen Regeln der empirischen Methode verkoppelt. Dabei realisieren selbst die Verfechter der EBM inzwischen, dass die Empirie der Studienkollektive nur unzureichend die Vielfalt klinischer Wirklichkeiten abzubilden vermag – vor allem in alternden und zunehmend multimorbiden westlichen Gesellschaften. Die neue Kultur der EBM erzeugt zweifelsohne objektive Wahrheiten, aber diese sind für den konkreten Alltag offenbar nur bedingt tauglich und greifen mit der Macht transparenter Zahlen gleichwohl wirkmächtig in die Aushandlungsprozesse ein, welche therapeutischen Praktiken im Gesundheitssystem finanziert werden sollen. 
 
Die interne Dynamik dieses Beispiels lässt sich für die Frage nach dem Sinn und Unsinn von Relativismus verallgemeinern: Wer Relativismus mit Beliebigkeit gleichsetzt, um dagegen die Wahrheit zu verteidigen, macht eine falsche Opposition auf. Gefragt ist keine Abkehr vom Relativismus im Namen einer vermeintlich dem entgegengesetzten Objektivität, sondern differenzierende Genauigkeit in der Analyse konkreter und komplexer Sachverhalte. Das ist der epistemische wie politische Kern der Debatte, denn Objektivität und Wahrheit sind keine Gegenbegriffe zum Relativismus.
 

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