Alte Klischees … aber das eigentliche Problem nicht erkannt

Es liegt nun schon ein gutes Dreivierteljahr zurück, dass Christian Weber seinen Ethnologie-kritischen Artikel in der SZ veröffentlicht hat, und zahlreiche KollegInnen haben bereits mit sehr interessanten und gut geschriebenen Stellungnahmen reagiert. Insbesondere die Beiträge von Chris Hann, Bernhard Streck und Franz Krause möchte ich hervorheben, ohne damit die übrigen abwerten zu wollen. Die Diskussionen habe ich zum Teil verfolgen können, dachte mir aber, dass es nicht nötig sei, einen weiteren Beitrag zu schreiben, da die KollegInnen bereits kompetent und souverän auf Webers Provokationen geantwortet haben, vor allem was das Thema Kulturrelativismus betrifft.
 
Umfassende Diskussionen losgetreten zu haben, ist der wichtigste – und wahrscheinlich sogar der einzige – Verdienst des Artikels. Ja, Jimmy Nelsons Bilder sind unzweideutig klischeehaft. Und wenn es bei dieser Kritik geblieben wäre, dann hätte es auch sehr viel weniger Reaktionen von Seiten der Ethnologie gegeben.
 
Vor wenigen Tagen erhielt ich eine E-Mail von Christoph Antweiler mit der Bitte, einen Beitrag für diesen Blog zu schreiben. Christoph stellte mir indirekt die Frage, ob die Diskussionen um den SZ-Artikel vielleicht sehr charakteristisch für die Situation in Deutschland seien. Aus meiner Sicht ‚von der anderen Seite des Atlantiks‘ her lautet die Antwort: Nein. Aber die Diskussionen wären in Brasilien mit Sicherheit politisch sehr viel aufgeladener. Und vor allem würden sich auch Indigene selbst an ihnen beiteiligen.
 
Wäre der Artikel hier erschienen, z.B. in der landesweit gelesenen Tageszeitung Folha de São Paulo oder etwa in der Wochenzeitschrift Veja, dann wäre der Autor sehr schnell mit dem reaktionären anti-indigenen Klima, welches seit mehreren Jahren in der Politik grassiert, in Verbindung gebracht worden. Und außerdem mit den vielfachen Versuchen, die Anthropologie als Berufspraxis zu diskriminieren.
 
Weber kritisiert Klischees über indigene Völker, baut aber ein neues auf. Nämlich dasjenige einer Ethnologenzunft, die mehrheitlich blindlings und verantwortungslos einem naiven Kulturrelativismus frönt und damit Stereotype in anderen Gesellschaftskreisen bedient. Und indirekt sogar zur Legitimation von Menschenrechtsverletzungen beiträgt. Dabei ist dieses Klischee überhaupt nicht neu, sondern, wie man in Brasilien sagt, um disco bem velho e arranhado – eine ziemlich alte und zerkratzte Schallplatte.
 
Meine Hauptkritik an Webers Artikel ist: Ein Klischee wird durch ein neues (altes) ausgetauscht, aber gleichzeitig wird großzügig darüber hinweggesehen, dass Indigene nicht nur für Menschenrechtsverletzungen (aus welcher Sicht auch immer) verantwortlich sein können, sie aber vor allem ihre Opfer sind.
 
Das lässt sich übrigens auch sehr schön an den von Weber zitierten kulturpolitischen Praktiken rund um die Ideen von Authentizität illustrieren. In Brasilien gibt es immer noch etwa 252 indigene Völker. Obwohl die Mehrheit der BrasilianerInnen angibt, noch nie in ihrem Leben Kontakt mit Indigenen gehabt zu haben, ist das je nach Wohnort eigentlich gar nicht so schwer. Von Recife aus kann ich etwa einen Bus nach Águas Belas im Landesinneren Pernambucos nehmen und nach fünf bis sechs Stunden Fahrt zu den Fulni-ô gelangen. Noch einfacher geht es in Recife selbst, wo, wie auch in anderen Großstädten Brasiliens, viele Indigene im städtischen Milieu leben. Von meinem Stadtviertel, Madalena, aus kann ich einen Bus zur Avenida Conde da Boa Vista, im Zentrum Recifes, nehmen und nach etwa 15 Minuten Fahrt dort auf Indigene treffen, die am Straßenrand Kunsthandwerk verkaufen, was sie manchmal auch auf dem Hauptcampus meiner Universität, der UFPE, machen. Während die verkauften Objekte gewöhnlich Klischees bedienen, trifft dies viel weniger auf die Verkäufer zu.
 
Die Indigenen in Nordost-Brasilien haben nämlich ein Problem: sie sehen meistens wie die nicht-indigenen BrasilianerInnen aus. Der Nordosten ist eine der ersten Regionen des Landes, die kolonisiert wurden, und viele indigene Völker haben über Jahrhunderte hinweg flexible Strategien entwickelt, um kulturell zu überleben, wozu auch Formen sozialer und kultureller Dissimilation gehörten, um nicht aufzufallen.
 
In den letzten Jahrzehnten haben sich immer mehr Bevölkerungsgruppen zu ihrer indigenen Vergangenheit bekannt und entsprechende Landrechtsforderungen an den brasilianischen Staat gestellt. Man kann sich ziemlich leicht vorstellen, dass diese Forderungen von den verschiedensten Teilen der Gesellschaft als illegitim betrachtet und dargestellt werden. Wegen angeblich fehlender sichtbarer kultureller Verschiedenheit wird die Authentizität vieler indigener Völker in Frage gestellt: „fantasiam-se de índios“ – „sie verkleiden sich als Indianer“. Schließlich sprechen im Nordosten nur die Fulni-ô noch eine indigene Sprache, aber selbst die „Echtheit“ dieses Indianervolkes wird hinterfragt, und nicht nur von den haters im Internet, die sich schlimmer als das Dengue-Fieber ausbreiten.
 
Wie reagieren viele Indigene auf solche Hinterfragungen? Meistens durch bewusstes Investieren in Kennzeichen kultureller Verschiedenheit, wie z.B. Körperbemalung und Federschmuck, welche als „Traditionen“ „erfunden“ werden, weil es das soziale Umfeld gewissermaßen so verlangt. Und das hat fast gar nichts mit Kommerzialisierung zu tun, weil es ohnehin wenig Tourismus bei Indigenen in Brasilien gibt (etwa im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Ländern). Dies hat hingegen viel mit der Einforderung von Menschenrechten zu tun. Etwa mit dem Recht auf Andersartigkeit. Aber auch mit dem Recht auf sicheres Land, um in Frieden leben zu können. Indigenes Land wird nämlich in Brasilien in der gültigen Verfassung von 1988 als unveräußerlich und dem Staat gehörend definiert („bens inalienáveis da União“) und wird somit den Kräften des Marktes entzogen.
 
Obwohl Indigene vor allem Opfer der verschiedenartigsten Menschenrechtsverletzungen sind (die Nachrichten über den brutalen Angriff auf eine Gruppe von Gamela-Indianern im Bundesstaat Maranhão am 30. April dieses Jahres gingen beispielsweise um die Welt) –, sind sie auch Ziele der Anklagen von Menschenrechtsverletzungen.
 
2007 beispielsweise wurde im Nationalkongress ein Gesetzesprojekt vorgelegt, um den Infantizid unter Indigenen strafrechtlich zu verfolgen (Lei n.º 1.057/2007, auch bekannt als „Lei Muwaji“). Nun wird jegliche Form von Kindestötung bereits durch das brasilianische Strafrecht (Código Penal) verfolgt, ob nun von Indigenen oder Nicht-Indigenen begangen. Warum dann also ein neues Gesetz? Und ist Infantizid unter Indigenen überhaupt noch eine gängige Praxis?
 
Nun, die sehr wenigen und meistens recht ungenauen ethnologischen Informationen über Infantizid bei Indigenen in Brasilien deuten darauf hin, dass es nicht nur um pragmatische Erwägungen geht (etwa: kann ein viertes Kind unter bestimmten schwierigen Lebensbedingungen durchgebracht werden?), sondern auch um Konzeptionen des Lebens, die von unseren radikal verschieden sein können. Wie dem auch sei, es gibt kaum noch Gruppen, bei denen Infantizid praktiziert wird, während die sehr hohen Selbstmordraten bei einigen Völkern wie den Zuruahá im Bundesstaat Amazonas oder den Guarani-Kaiowá im Süden des Landes unter quantitativen Gesichtspunkten andere Todesursachen vielfach in den Schatten stellen.
 
Das Gesetzesprojekt hat aber nicht nur zum Ziel, Väter und Mütter, die Infantizid praktizieren, strafrechtlich zu verfolgen, sondern auch die Bediensteten der Indianerbehörde FUNAI, die in den entsprechenden Dörfern arbeiten und angeblich Zeugen sein könnten, und sogar AnthropologInnen, die dort zufällig Feldforschung betreiben und nicht verhindernd eingreifen.
 
Der Autor des Gesetzesprojektes, Henrique Afonso, ist Mitglied der Presbyterianischen Kirche Brasiliens und der Frente Parlamentar Evangélica (oder bancada evangélica) im Nationalkongress. Die Verabschiedung des Projektes würde alle indigenen Völker Brasiliens unter einen Allgemeinverdacht stellen und sie zu potenziell Kriminellen machen. Das Projekt erhielt aber nicht nur breite Unterstützung der protestantischen Parlamentsfraktion sowie der mit ihr verbundenen Missionsgesellschaften, die bereits einen schönen Adoptionsmarkt wittern, sondern vor allem auch seitens der bancada ruralista, also der Vertretung der Großgrundbesitzer im Kongress. Die Motive sind einleuchtend: Sobald das Bild der Indigenen allgemein beschädigt wird, lässt sich leichter gegen die sie schützende Gesetzgebung vorgehen. Und gleichzeitig wird ein Angriff gegen wichtige Verbündete wie etwa Anthropologen geritten.
 
Als eine Kollegin der Universidade de Brasília, Rita Laura Segato, eingeladen wurde, um vor der entsprechenden Parlamentskommission eine anthropologische Sicht auf das Gesetzesprojekt vorzustellen, verzichtete sie explizit darauf, ihre Argumente auf dem Kulturrelativismus aufzubauen, da die Parlamentarier für diesen ohnehin nicht empfänglich seien. Sie betonte hingegen die Notwendigkeit, in Brasilien zu einem Rechtspluralismus zu gelangen, um den Indigenen zu gestatten, die Fäden ihrer eigenen Geschichte wieder in die Hände zu nehmen und nicht ewig einem repressiven Staate untergeordnet zu bleiben.[1]
 
Die Lei Muwaji ist Ausdruck eines allgemeinen politischen Klimas, welches Brasilien bereits seit Jahren vergiftet, und nicht nur erst seit dem Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff. Ein ganzes Bündel der schlimmsten reaktionären Kräfte bildet die verschiedensten Bündnisse, um die Rechte ethnischer und sozialer Minderheiten einzugrenzen und nach Möglichkeit sogar ganz abzuschaffen. Zu diesen Strategien gehört auch eine parlamentarische Untersuchungskommission gegen die FUNAI und die für die Landreform zuständige Behörde INCRA sowie gegen den Berufsverein der brasilianischen Anthropologen, die ABA (Associação Brasileira de Antropologia), und die Anthropologenzunft im Allgemeinen mit dem Ziel einer umfassenden Kriminalisierung. Der Gipfel des Zynismus: die Mehrheit der hieran beteiligten Parlamentarier wird von der brasilianischen Justiz der Korruption und anderer Verbrechen angeklagt und kann sogar jeden Moment verhaftet werden.
 
Diese kurzen Anmerkungen lassen vielleicht erahnen, dass Idealisierungen des Lebens indigener Völker im Vergleich mit dem, was ihnen häufig angetan wird, ein absolut zweit- oder drittrangiges Problem darstellen.
 
Unter einem Gesichtspunkt fällt es allerdings leicht, Christian Weber recht zu geben: Ja, es gibt sie unter den EthnologInnen, die VertreterInnen eines radikalen, bisweilen naiven Kulturrelativismus. Aber ist das der Mainstream? Hat sich die Anthropologie nicht seit Jahrzehnten kritisch mit ihren eigenen Varianten des Kulturrelativismus auseinander gesetzt? [2] Sind diese Diskussionen vielleicht nicht in die Welt jenseits der Fachgrenzen vorgedrungen? Den anthropologischen Kulturrelativismus mit einem verallgemeinerten moralischen Liberalismus gleichzusetzen, ist jedoch ein grobes Vorurteil.
 
À propos, Menschenrechte sind längst zu einem wichtigen Thema der Rechtsethnologie geworden. Dort stellen sie vielleicht sogar eines der wichtigsten Querschnittsthemen dar. Und sie werden keineswegs durch kulturrelativistische Moralvorstellungen schnell abgewickelt. Die ABA hat in diesem Jahr bereits den siebten Sammelband ihrer Reihe zu Anthropologie und Menschenrechten (Antropologia e Direitos Humanos) herausgegeben.
 
Der erste Aufsatz im ersten Band dieser Reihe wurde von Debora Diniz verfasst: “Antropologia e os limites dos direitos humanos: o dilema moral de Tashi” (2001). Die Autorin diskutiert das Thema Genitalverstümmelung anhand des fiktiven Schicksals von Tashi, Protagonistin des Romans Possessing the Secret of Joy (1992) von Alice Walker. Diniz problematisiert genau das, was Christian Weber nicht sieht oder nicht sehen will, dass nämlich sowohl ein radikalisierter Kulturrelativismus als auch ein kulturell unsensibles Pochen auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte einer umfassenden Täuschung, oder sogar einer Utopie, aufsitzen. Und zwar der, dass es möglich sei, dass die Menschheit eines Tages ohne moralische Konflikte leben könnte.
 
Die Beschränktheit dieses polarisierenden Denkens aufzuzeigen, zu hinterfragen und mögliche Auswege aufzuzeigen, genau das ist gute anthropologische Reflektion. Das scheint aber nicht das zu sein, was Christian Weber denkt, was EthnologInnen tun. Und deswegen ist sein Artikel auch so enttäuschend.
 
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[1] SEGATO, Rita Laura. Que cada pueblo teja los hilos de su historia: El pluralismo jurídico en diálogo didáctico con legisladores. In: CHENAUT, Victoria et al. (coord.). Justicia y diversidad en América Latina: Pueblos indígenas ante la globalización. México, D.F.: Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropología Social; Ecuador: Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales, 2011, p. 357-381. (http://www.flacsoandes.edu.ec/libros/digital/53378.pdf)
 
[2] CARDOSO DE OLIVEIRA, Roberto & CARDOSO DE OLIVEIRA, Luís Roberto. Ensaios Antropológicos sobre Moral e Ética. Rio de Janeiro: Tempo Brasileiro, 1996.
 

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