Relativismus als Verbrechen

Der Relativismus ist eine Form des Gedankenexperiments, das Ethnologie nicht erfunden hat. Die Idee, alles anzuzweifeln entstammt der Philosophie (Sokrates Mäeutik, Platos Höhlengleichnis) und brachte Descartes Meditationen ebenso hervor wie den Mystizismus Jakob Böhmes oder den Marxismus. Zu Rettung, Sinn und Ideengeschichte des Relativismus innerhalb der Ethnologie verweisen Beiträge dieses Blogs zu Recht auf die Fachgeschichte. Auch der auf diesem Blog inkriminierte Artikel Christian Webers trennt in guten und schlechten Relativismus. Er zitiert etwa Anne Pellers Text über Genitalverstümmelung, nimmt aber dann auch tourismuskritische ethnologische Beobachtungen über Lippenteller auf, zitiert Roger Sandall zum Problem des staatsoffiziellen Kulturalismus. Nun hilft es der deutschen Ethnologie nichts, auf die Theoriegeschichte zu verweisen, die das Problem gelöst hätte. Die wenigsten philosophischen Probleme lassen sich „überholen“. Das Relativismusproblem entsteht mit jedem Gegenstand und jeder Person neu und die Kompetenz muss sich am Material erweisen. Die aktuelle Ethnologie produziert dahingehend seriell schlechten Relativismus, der Vergleiche abwürgt oder schlecht durchführt. 
 
Was an den im Blog versammelten Beiträgen zuallererst auffällt, ist der Versuch, ein „wir“ zu konstruieren und zu verteidigen. In einer nationalistischen Reaktion verteidigen sie das imaginäre ethnologische Kollektiv gegen einen Angriff von außen. Zur Aufrechterhaltung ihres narzisstischen Selbstbildes brauchen die Wissenschaftler die Abwertung des Journalisten. Das Problem dieser Propaganda ist: Es gibt kein Wir, kein einheitliches Projekt der Ethnologie. Es gibt eben schlechte und gute Relativisten und erbitterte Kämpfe. Während aktuell die Hälfte der US-amerikanischen Ethnologen Israel unbedingt boykottieren wollen, findet die andere Hälfte das unwissenschaftlich. Während auf einer DGV-Tagung die einen Ethnologen ein untergegangenes Flüchtlingsschiff thematisierten, hatten andere den Wunsch, lieber über die Verbrechen von Schleuserbanden zu diskutieren. Während die einen gern etwas über Psychologie wissen wollen, erzählen die anderen, dass Freud allenfalls im 19. Jahrhundert in Wien Gültigkeit gehabt hätte. Während den einen die Opfer des Islamismus im Feld begegnen, möchten die anderen lieber nicht mit Negativberichten zur „Islamphobie“ beitragen. Während die einen ehrliche Wissenschaft nach den Anforderungen des Feldes produzieren möchten, wollen andere eben den STS-Turn und den nächsten und übernächsten „turn“ mitmachen. Ideologisch existieren heftige Brüche und eine reife, kritikfähige Position wäre, sie im Anschluss an Weber noch stärker zu betonen, zu erklären, zu kritisieren, anstatt sie wieder einmal: zu relativieren im Sinne von herunterspielen oder gleichmachen.  
 
Etwa wie Claus Deimel, wenn er fragt: „Wann hat jemals ein ernstzunehmender Ethnologe Beschneidungspraktiken, Kindestötungen, Unterdrückung von Frauen, Tötung von Alten für rechtens erklärt? Sicher, es ist nicht auszuschließen, dass es da verschrobene Ansichten gibt, aber eine ganze Wissenschaft damit zu identifizieren ... ?“ 


Für Frauenbeschneidungen nennt Christoph Weber in seinem Text ein Beispiel, das man diskutieren könnte. Was die Hexenjagden angeht, in denen relativ häufig alte Frauen getötet werden, so kann ich nur klarstellen: Hexenjagden werden in der Mehrzahl der ethnologischen Publikationen an irgendeiner Stelle verharmlost, rationalisiert oder sogar verklärt. Nur ein spontan aus dem Regal gegriffenes Beispiel: 
 
„In both cases, witchcraft accusations and its respective therapy represent an allegoric form of catharsis of a social conflict, mostly within the family. As witchcraft helps to explain inexplicable occurrences or misfortune, the therapy thus provides relief from anxieties, and can be thus interpreted as a sort of effective psychotherapy.” [1]
 
Diese überaus populäre Erzählung beginnt mit Evans-Pritchards durchgereichtem Paradigma der „Rationalität der Hexerei“, geht über die verschiedenen Funktionalismen, Strukturalismen und defizitäre Heilungsbegriffe der Besessenheitsforschung zur „Modernity of Witchcraft“ über. Der Rationalisierung der Gewalt folgt der Sündenstolz: Eigentlich sind Hexereivorstellungen eine Art Sittenpolizei und Therapie, wenn aber etwas schiefläuft, so sind der Kolonialismus und der Neoliberalismus schuld, die Egoismus und Individualismus in eine vormals harmonische Welt bringen. Die doppelten Standards dieser kulturalistischen Strategie wurden früh erkannt und kritisiert (u.a. von Mary Douglas), und doch blieb das Paradigma hegemonial: Hexereivorstellungen sanktionieren demnach deviantes Verhalten und garantieren Harmonie im Kollektiv. Den realen Opfern von Hexereianklagen ihre „Devianz“ vorzuhalten, wäre ein bisschen zynisch, und, wie ich an anderer Stelle ausführlich belege [2], es wäre auch einfach falsch. Im Feld aber wird täglich relevant, ob man bereit ist, ein Individuum gegen das beforschte Kollektiv zu unterstützen oder ob man davon ausgeht, dass das Kollektiv sich hier irgendwie stabilisiert. Aus einer theoretischen Frage wird im Feld rasch eine Frage von Leben und Tod.   
 
Warum aber mussten Hexereivorstellungen „rational“ – oder heute: „modern“ – werden? Nicht etwa aus einer Notwendigkeit des Feldes heraus. Die emische Perspektive nennt „Rückständigkeit“ als Grund sowohl für vermeintliche Hexerei als auch für Hexenjagden. Nein, relativiert hat Evans-Pritchard aus einem narzisstischen Impuls heraus: Damit „wir“ nicht in Hybris verfallen, nicht rassistisch werden. Die Azande sind „so rational wie wir“ und daher sind „wir“ erleichtert: dass „wir“ rational sind. Ein Vergleich, bei dem beide Seiten geschönt werden. Bei Evans-Pritchard ist für solchen schlechten Relativismus primär die Unkenntnis dialektischer Soziologie und seine eklatante Feindschaft gegen Psychologie verantwortlich – beides Phänomene, die sich in der Ethnologie heute reichlich finden. 
 

Das Relativismusproblem ist in den Industriestaaten mit dem Fortschrittsproblem verschmolzen. Objektiver Fortschritt, Fortschrittsideologie und Rassismus wurden schlicht in einer Melange identifiziert. Von Fortschritt oder Entwicklung zu sprechen, Bildungsvor- und -nachteile zu thematisieren, kann das Ende einer Karriere bedeuten. In Ermangelung eines dialektischen Begriffes von Aufklärung entsteht falscher Relativismus, das Bedürfnis, Ungleiches gleichzumachen und sich über von den Produktionsverhältnissen erzeugte Unterschiede zu beruhigen. Während die Ethnologie nolens volens mit der „Dialektik der Aufklärung“ konfrontiert ist, verbaut sie sich einen Begriff davon, weil in der Ethnologie die Kritische Theorie ausgegrenzt wurde. Bernhard Streck zufolge sei sie zu einer „dialogischen Form von Empirie“ nicht in der Lage gewesen, weil sie die Interviewpartner vorauseilend des Antisemitismus verdächtige [3]. Er selbst rühmt dann wenige Sätze später den Antizionismus der 68-er Studenten wie auch der zeitgenössischen Ethnologie als „Gegenwartsbezug“ [4]. So dunkel sieht es eben auch aus in den Taschen der Ethnologie. 
 
Der Aufklärungsgedanke jedenfalls wurde ersatzlos aus der Ethnologie der Hexereivorstellungen und darüber hinaus gestrichen. In diesem Klima kommt Bruno Latours protoanimistischem Relativismus eine Funktion als schlechtes Surrogat zu, das mit Wissenschaftspraktiken fasziniert ist, um zu verschleiern, wie tiefgreifend Geisteswissenschaft von jeder gesellschaftlichen Praxis abgekoppelt wurde. Ethnologie vermochte schließlich nicht einmal das Lehramt zu erstreiten, weshalb das oft gepriesene „reflexive“ Moment des Relativismus nicht besonders tief in Gesellschaft hineinwirken kann. Auch andere Praxis, die Entwicklungshilfe, schönend „Entwicklungszusammenarbeit“ genannt, gilt im Zuge einer um Dialektik reduzierten Kritik daran in der Ethnologie weithin als Abfall oder Überschuss der Universität. Wenn man nun Ethnologen fragt, wie sich denn konkret Aufklärung gegen Genitalverstümmelung gestalten ließe, so winken gerade die auf diesem Blog zur Verteidigung der Ethnologie angetretenen Artikel eher ab: Wir sollten erstmal vor unserer eigenen Tür kehren – was aber merkwürdigerweise nicht so recht gelingen will. Dieses eigene Scheitern kann durch das Interesse am realen oder vermeintlichen Scheitern der Anderen vergessen werden. Heike Drotbohm klagt: „Letzten Endes führten jedoch auch massiver internationaler Druck und nationale Verbote sowie umfangreiche Gesundheits- und Aufklärungskampagnen keineswegs zum Rückgang der Praxis, im Gegenteil: Heute wird die Genitalmodifikation, -beschneidung oder -verstümmelung auf allen fünf Kontinenten durchgeführt und dies in einigen Regionen mit steigender Tendenz.“  
 


Es gibt eben einen Unterschied zwischen öffentlichen Lippenbekenntnissen und Praxis, die prekär finanziert wird. Die NGO WADI jedenfalls vermeldet mit ihrem integrativen Ansatz glaubhafte Erfolge gegen FGM in Kurdistan. Ganze Regionen wenden sich dort von der Genitalverstümmelung ab. Das gleiche gilt für Hexenjagden – Aufklärung auch mit einfachsten Mitteln, als moralische Ermahnung gegen Gewalt, führte zu einem Rückgang der Hexenjagden in bestimmten Regionen Nordghanas. Aufklärung wirkt, wenn sie gut ist und sie wirkt nicht, wenn sie schlecht ist und kann nicht wirken, wenn sie gar nicht existent ist, nicht finanziert wird, oder Ethnologen noch mit diffusen Verweisen auf den Dreck vor der eigenen Türe dagegenhalten anstatt ihr Scherflein zu besserer Aufklärung beizutragen. Der kollektivierende Sündenstolz wirkt meist eher zur whataboutistischen Disziplinierung der Avantgarde, die gegen inneres und äußeres Elend gleichzeitig kämpft. Originell wirkt die Suggestion eines Kulturimperialismus, wie ihn Dieter Haller vorträgt: 
 
 „Kein Wort davon, dass Transparency International, Good Governance und das Konzept der Staatenbildung (failed states recovery), sowie die Verbreitung von Demokratie das europäische – oder eher amerikanische – Entwicklungsmodell rund um den Globus mit Politik, Militär und Ökonomie durchgesetzt werden sollen, koste es was es wolle. Und seien es die Leben jener, die in solchen Strukturen leben, die der Autor als unzeitgemäss bezeichnen würde: Verwandtschaftsgruppen, tribale Ordnungen und derlei korrupte und undemokratische Gesellungsformen.“ 
 
Was wird hier kritisiert, was angegriffen? 0,38 % des BNE gibt Deutschland für Entwicklungshilfe aus, das angestrebte Ziel sind 0,7% – „koste es was es wolle“? Geht es um Militärinterventionen? Vergeblich riefen syrische Gruppen nach einer Militärintervention, die ein Gewaltmonopol herstellt, vergeblich die Hilferufe aus Südsudan, Jemen. De facto sind Nichtinterventionen und „diplomatische Initiativen“ nicht gerade von Erfolgen gekrönt. Tatsächlich haben die Industriestaaten recht gut gelebt, indem sie ihr Modell gerade nicht ausgebreitet haben und Saudi-Arabien, Iran und anderen Diktaturen ihre Rohstoffe einfach abkauften. Vor allem Saudi-Arabien nutzte das Kapital, um global sein eigenes salafistisches „Entwicklungsmodell“ zu verbreiten. Gerade Integration ethnologischer Forschung in die Operation Surge brachte den von Iran und Saudi-Arabien geförderten Terror fast zum Stillstand – bis der Abzug der Besatzungstruppen zur Unzeit einer Melange aus baathistischen und djihadistischen Kämpfern ein Vakuum anbot. Nur in Hallers Darstellung werden aus Menschen im Trikont die ganz Anderen, für die rechtsstaatliche Errungenschaften wie ein Gewaltmonopol, Transparenz oder Staatenbildung nicht willkommen seien, kulturelle Erfindungen des Westens. Der Paternalismus, mit dem die irakischen Araber als „nicht reif“ für „unsere“ Demokratie abgewertet wurden, entspricht gerade nicht dem ethnographischen Wissen über die Flexibilität und basisdemokratische Aspekte akephaler und tribaler Strukturen.  

Man weiß natürlich als Lippenbekenntnis, dass der Relativismus nicht „zur Rechtfertigung von Ausgrenzung und Gewalt“ dienen soll, dass „Gegenidentifikation mit dem Fremden“ nicht rückhaltlos zu betreiben sei, kurzum, dass man dem Relativismus schon Grenzen irgendwo in der Nähe von Genozid und Genitalverstümmelung setzen müsse. Schon im ersten Beitrag von Cora Bender heißt es aber ironisch: „deswegen stiefeln meine Studenten wieder im Gleichschritt mit der Bundeswehr nach Afrika, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen“. Suggeriert sie, dass Genozide wegen der deutschen Vergangenheit toleriert werden sollen? Hätte man die Djihadisten in Mali lieber gewähren lassen? Wäre Sierra Leone unter der RUF besser dran? Muss man den deutschen Truppen nicht eher vorwerfen, unter ihren ökonomischen Möglichkeiten zur responsibility to protect zu bleiben? 
Franz Boas sei ins Schlachthaus Europa gereist, um die Menschen über Rassenhass aufzuklären – was aber wäre gewesen, hätte er nach seiner Rückkehr den Menschen in den USA erklärt, dass sie die „Welt nicht an ihrem Wesen genesen“ lassen dürfen? 

Zum Glück gab es den war effort der Ethnologie, darunter Relativistinnen wie Ruth Benedict und auch Evans-Pritchard. Der dankenswert inkonsequente Relativist hatte sich von der Feldforschung im Sudan abgesetzt, seinen afrikanischen Genossen erklärt, dass der Faschismus eher nicht so rational sei, und dann mit seiner Guerillatruppe faschistischen Truppen empfindlich zugesetzt. Ist also „nach Afrika marschiert, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen“. 
 

Ethnologen wissen, dass man entgegen eines rassistischen Ressentiments vom ewig wilden Afrika dort auch ein wenig Ruhe und Ordnung zu Hirsebier und Maisgrütze zu schätzen weiß. Man will Industrialisierung, Demokratie, Fortschritt, Fußball. Fragen, die EthnologInnen heute im Feld gestellt werden, lauten: Wieso sind Europäer so reich? Wie können wir auch so reich werden? Muss man wirklich einen Verwandten töten und sein Blut opfern um reich zu werden? Weil EthnologInnen des Mittelbaus meist wenig Erfahrungen mit Reichtum besitzen und auch im Studium keine Zeit mehr für intensive Marxologie haben, wissen sie das auch nicht so recht. Sie müssen trotzdem in ein Feld, das sie direkt mit Ausbeutung und primitiver Akkumulation konfrontiert. Und meist müssen sie noch nach der Forschung ihren Freunden, so sie sich als gute Ethnologen welche gemacht haben, im Feld Geld und Hochzeitsgeschenke schicken. Was zur Frage der Intervention führt, der sich Matthias Krings in seinem Beitrag auf diesem Blog widmet. Intervention fordert die Fähigkeit zum Scheitern, zur Selbstkritik. Selbstkritik jedoch wird heute in Forschungen als Steilvorlage genommen, sie gegen den Verfasser zu verwenden. Wer sich der Schwäche verdächtig macht, reizt zum Zuschlagen, wie Adorno einmal sagte. Und wer im Feld versucht, einen Jungen vom Benzinfass wegzubekommen, dessen Schlauch stets mit dem Mund angesaugt werden muss, damit scheitert und das Scheitern beschreibt, wird in der deutschen Ethnologie schon auch mal des „White-Man‘s- Burden-Syndroms“ beschuldigt. Intervenieren erzeugt unbewusste Aggressionen bei denen, denen geholfen wird und mehr noch bei denen, die selbst zu Solidarität und Empathie nicht fähig sind. Das ist der Ursprung der Popularität der Rede von angeblich naiven „Gutmenschen“ – die aus dem Entwicklungspessimismus der Ethnologie und ihrem Lästern über unprofessionelle „do-gooders“ in die autoritäre nationalistische Propaganda gegen Flüchtlingshelfer überschwappte.  
 
Der Ausfall von Kritikfähigkeit hat auch ökonomische Gründe. Institutionell verpflichtet die allseitige Konkurrenz und Befristungskultur zum Harmonismus. Kritik bedeutet die ökonomische Vernichtung, weil der andere nicht seine Meinung oder sein Verhalten einfach ändern kann, sondern vor der nächsten Jury schlecht dasteht und aus dem Betrieb ausscheidet. Das erzeugt Simulationen des Relativismus, den Wunsch, keine höhere Autorität zu kränken und wichtiger noch: Selbst keine Fehler zu machen. Eine scheiternde Feldforschung darf es ebenso wenig geben wie Reflexionen über „unethisches“ Verhalten oder gar Leiden und daran angeschlossene arbeitsrechtliche Fragen im Feld oder generell riskante, polarisierende Themen, die schlechte Laune machen. Es wird verschwiegen statt verglichen. Weil keiner mehr sein eigener Souverän ist, wird die souveräne Position, die Grundbedingung von Bildung ist, angefeindet. Der zeitgenössische Relativismus stellt Kritik strukturell still.
 

Das ist der Grund für die Antipathie, die er erzeugt. Als allgemeine, unbestimmte Disposition muss er sich der Grenzenlosigkeit rechtfertigen. Im Feld nimmt relativistische Voraussetzungslosigkeit und Bereitschaft zum Mitmachen den Schaden und Tod von InformantInnen und Forschenden in Kauf. Täglich muss im tropischen Feld unterschieden werden zwischen tödlichen Tropenkrankheiten und harmlosen Infekten – wer hier ohne tropenmedizinische Grundkenntnisse in die Forschung geschickt wird, riskiert andere anzustecken oder Patienten unnötig sterben zu lassen. Trotzdem nötigen ethnologische Institute zusehends Studierende ohne theoretische Vorbildung in Slums und Hochrisikogebiete. Ohne vernünftige Grenzarbeit wird hier der Relativismus rasch zum Verbrechen, zum Pazifismus dort wo nur Gewalt retten könnte, zur Lethargie dort, wo Intervention notwendig wäre, zur Kollaboration, wo teilnehmender Dissens und Streit statt beobachtendem Mitmachen anstünde. Die teilnahmslose Beobachtung als Ideal der Ethnologie ist im Kern nur bürgerlicher Egoismus, der als Bonus die erlaubte Sparsamkeit des Denkens oder die Besitzstandswahrung abwirft. 
 

Ist letztlich der „moderate“ Kulturrelativismus eine Lösung? Mit der Mäßigung ist so eine Sache in dialektischen Zuständen, wie Heinz Maus das in seiner „Traumhölle des Justemillieu“ als Ideologie eines spezifischen Bürgertums zeigte [5]. Die Verhältnisse fordern ein Urteil und Praxis nötigt die Bereitschaft zum falschen Urteil auf, das wiederum erst durch radikale Kritik reflektiert werden kann. Wenn aber wesentliche Elemente der Aufklärung fehlen oder institutionell als „altmodisch“ unter die Räder gekommen sind, kann eine, an Kritischer Theorie mit ihren Grundlagen Hegel, Darwin, Marx und Freud gereifte Aufklärung nicht gelingen. Gegen einen Mangel an Empathie, Empirie und Theorie hilft keine Ethikerklärung, zumal kein Betrieb die Konsequenzen einer Intervention aufzufangen bereit ist. Wer im Feld Notleidende antrifft, hat selbst für deren Überleben zu sorgen. 
 
Gegen Felix Girkes nette Polemik vom ernsthaften „Beschäftigungsfeld einer nicht Schmetterlinge sammelnden Ethnologie“ lässt sich abschließend die Frage erstellen: wie soll man Gesellschaft verstehen können, ohne Schmetterlinge studiert zu haben? Ohne eine Ahnung vom Darwin-Schock, von dem Untergang der Kosmologien, von dem Tod Gottes, lässt sich fast kein soziales Phänomen heute begreifen. Was aber enthält ein Band der Zeitschrift für Kulturwissenschaften mit dem Titel „Begeisterung und Blasphemie“? Viel Tranceforschung, keine Blasphemie. In einer erkalteten Sprache wird aus den Morden an den Redaktionsmitgliedern an Charlie Hebdo ein „bewegliches Positionenspiel“, man will eine forschungsantragstaugliche „Ethnologie der Blasphemie“ ausloten [6]. Eine blasphemische Ethnologie, die das Tod-Gottes-Problem in ihre Analyse aufnimmt und Gesellschaft durch eine differenzierte, explizit vergleichende Religionskritik resistenter, nicht toleranter, gegen Religionen macht, wäre zwar zeitgemäß, aber dem zusehends entsäkularisierten Markt ganz unzuträglich [7]. Auch hier gibt es kein Mittelmaß, etwa einen „wissenschaftlichen Agnostizismus“, der religiöse Mitforscher vor impliziter Kritik verschont. Dass alle Religionen gleich seien ist eine alle Ethnologie durchstreichende Formel. Gute Religionsethnologie war meist von AtheistInnen fabriziert worden, die in der relativistischen Ablehnung aller Religion eine mal mehr, mal weniger gut gelingende Beschreibung von Unterschieden in den spezifischen Religionen leistet. Eine solche am Material und Theorie ebenso wie an lebendiger Erfahrung erarbeitete Stärke zum Differenzieren im Besonderen und im Allgemeinen ist eine relativistische Praxis, die sich nicht zwischen Bachelor und Forschungsantragsfron erzwingen lässt. 
 
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[1] Mildnerová, Kateřina 2015: From where does the bad Wind Blow? Spiritual Healing and Witchcraft in Lusaka, Zambia. Wien: LIT, 315 pages.
 
[2] Riedel, Felix 2016: „Hexenjagd und Aufklärung in Ghana. Von den medialen Inszenierungen des Okkulten zu den Ghettos für Hexenjagdflüchtlinge.“ Köln: Rüdiger Köppe Verlag.
 
[3] Adornos revolutionäre Erneuerung der Soziologie war aber wesentlich von Methodendiskussionen geprägt, die innovative Gruppendiskussionen mit Deutschen im Nachkriegsdeutschland hervorbrachten und geradezu ethnologische Partizipation förderten. S. Riedel 2016: 130.
 
[4] Streck, Bernhard 1995: Entfremdete Gestalt. Die Konstruktion von Kultur in den zwei Frankfurter Schulen. In Hauschild, Thomas (Hg.) 1995: Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich. 103-120.
 
[5] Maus,  Heinz 1981 (1939): Kritik am Justemillieu. Eine sozialphilosophische Studie über Schopenhauer. In: „Traumhölle des Justemilieu. Erinnerungen an die Aufgaben der Kritischen Theorie. Hg. v. Greven, Michael/ van de Moetter, Gerd. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt. 42-243.
 
[6] Zillinger, Martin: Klare Worte. Jeanne-Favret-Saada zu einer Anthropologie der Blasphemie, in: Erhard Schüttpelz und Martin Zillinger (Hg.): Begeisterung und Blasphemie. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2/2015, S. 263-266
 
[7] Wie diesen Text musste ich weitere Publikationen zum  Relativismus weitgehend ohne Bezahlung verfassen:
Riedel, Felix 2014: „Unhöfliche Gespenster – Adorno und der Okkultismus“. In: „Nebulosa – Figuren des Sozialen“ 5/2014. 153-163.
Riedel 2016: „Es ist kein Gott. Blasphemie und Wissenschaft.“ Via: http://jungle-world.com/artikel/2016/39/54932.html
Riedel, Felix 2017: „Untergangsriten. Zum Relativismusproblem nicht nur in der Ethnologie.“ http://versorgerin.stwst.at/artikel/mar-5-2017-1308/untergangsriten.
 

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