Ein leichtsinniges Spiel

Es scheint, als ob SZ-Journalist Christian Weber, als er beschloss, das rostige Perpetuum Mobile der Kritik an der 'Mär vom edlen Wilden' erneut anzuwerfen, nichts besseres zu tun hatte. Okay, okay – in der unwirtlichen Welt des Berufsjournalismus mag es weiterhin angebracht sein, über Themen, denen die heimische Nestwärme fehlt, vorsichtshalber so massiv drüber zu bügeln, dass am Ende nichts als eine Mär übrig bleibt. Und vielleicht kann man sogar ein bisschen Verständnis zeigen, wenn Journalist_innen auf diese Weise ihrem Broterwerb nachgehen müssen. Die Frage ist allerdings, ob ein wissenschaftlich informierterer und sich selbst reflektierender Journalismus nicht die bessere Alternative wäre.

Ganz seltsam ist nämlich, dass Christian Webers Artikel den mahnenden Fingerzeig auf die 'Mär vom edlen Wilden' zum Anlass nimmt, dem Leser jene 'Exotika' und vermeintlichen kulturellen Absonderlichkeiten explizit vor Augen zu führen, vor deren Unheil er vorderhand warnen möchte. Mit dieser doppelbödigen Rhetorik, die genau das in den gesellschaftlichen Imaginationsraum ejakuliert, was sie vorgeblich aus ihr exorzieren möchte, steht Christian Weber in einer langen Tradition. Schon in den bildenden Darstellungen der sieben Todsünden im Mittelalter, wie etwa bei Hieronymus Bosch oder bei Pieter Brueghel dem Älteren, hatte die Versinnbildlichung immer auch eine sinnliche, wenn nicht pornographische Komponente. Sie verlieh der Sünde ein Gesicht und einen Körper, führte den Menschen in graphischem Detail diejenigen Handlungen vor, die von ihnen nicht ausgeführt werden sollten.    
 
Hierin liegt das Paradoxon des Artikels von Christian Weber. Zu Recht merkt er an, dass die Exotisierung des Fremden den Blick verstellt und nicht dazu führen darf, dass die Urteilskraft verloren geht. Doch durch die Art der Darstellung eignet sich Christian Weber eine aus der westlichen Ideengeschichte altbekannte Funktion der 'Mär vom (edlen) Wilden' an – den moralischen Lustschmerz. Die Kritik am Exotismus bietet ihm hier nämlich einen schlüpfrigen Vorwand, die von Lustschmerz getragenen Imaginarien der Leser_innen zu Hexerei, Sexualität, Unreinheit, Gewalthandlungen und Körpermodifikationen zum Schwingen zu bringen.
 
Man kann von Jimmy Nelsons Fotografien halten, was man will, und ihre Entstehungsgeschichte ist zweifelsohne einer kritischen Betrachtung würdig. Doch während die Dargestellten auf den Fotografien als selbstbewusste Personen mit ihrer je eigenen menschlichen Würde erscheinen, werden sie in Christian Webers Artikel zur 'Mär vom edlen Wilden' in einen Kontext geworfen, der holzschnitzartig das Gegenbild evoziert und sie in das lustvolle Spiel des Autors mit der Mär vom barbarischen Wilden verstrickt. Ein leichtsinniges Spiel im doppelten Sinne des Wortes. Sicherlich hätte es besseres zu tun gegeben.
 

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