Stanley, nicht Jared

“Civilized men are more discourteous than savages 
because they know they can be impolite 
without having their skulls split, 
as a general thing.”
― Robert E. Howard, The Tower of the Elephant
 
"It is always useful—even necessary—to understand non-A in order to understand A."
― Alain Testart, What is a Gift (2013: 256)
 
Herr Weber hat nicht erwarten können, dass sein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung zur „Mär vom Edlen Wilden“ derartige Wellen schlägt. Pech vielleicht, dass zumindest in der Online-Ausgabe die Kategorisierung „Ethnologie“ darüberstand. Sei’s drum – der Text ist in der Welt, und immerhin erweist er sich durch das Entstehen dieses polyphonen Blogs als zumindest gemeinschaftsstiftend. 
 
Was an dem Text so besonders anstößig daherkommt, ist der völlig reflektionsbefreite Triumphalismus der Moderne, der aus allen Zeilen spricht. Auch wenn ich hier auf die Zitation des Beitrags verzichten möchte, kann die Diagnose leicht nachvollzogen werden. Ich bin zuversichtlich, dass es dies ist, was viele Ethnologen so provoziert hat. Dass diese Reaktion ein Hinweis auf „Dünnhäutigkeit“ ist, wie Matthias Krings mutmaßt, finde ich nicht: es gibt Grund, erbost zu sein. Eine Haltung wie hier von Herrn Weber demonstriert macht zwei Punkte deutlich: erstens ist das Verhältnis von Ethnologie zu dem Primitiven und dem Archaischen nach wie vor denunziabel, und zweitens hat angesichts von Anthropozän, Klimawandel und sonstigen ganz realen globalen Bedrohungen jemand den Schuss nicht gehört. 
 
Um klar Position zu beziehen: Die Ethnologen stehen nicht in der Pflicht, Lebenswelten (auch: „Kultur“) und Lebensweisen zu schützen oder auch nur zu verteidigen. Das können die Mitglieder dieser Lebenswelten gegebenenfalls besser, sicher mit mehr Legitimität, gelegentlich auch mit mehr Nuance. Um aber eine positive und produktive Aufgabe zu formulieren, möchte ich hier eine frühere Herausforderung an das Fach aufgreifen. 
 
Deskriptiver Kulturrelativismus, wie in dieser Reihe schon mehrfach angemerkt, ist in gewisser Hinsicht methodologisch banal bzw. common sense geworden. Sogar Browns einschlägiger Text zu "Cultural Relativism 2.0", der das Konzept fit für ein neues Jahrtausend machen möchte, liest sich wie eine Apologie, indem er Relativismus relativiert, abschwächt, positioniert und historisiert. Der moralische Kulturrelativismus hingegen ist in den meisten Fällen ein argumentativer straw man, eine Haltung, die kaum eine Ethnologin einnimmt. Zeithistorisch müsste man ihn als Konzept der Moderne einordnen, einer Moderne, die im Rahmen des ihr Möglichen reflektiert und huldvoll Abstriche an den Ansprüchen gegenüber dem Anderen macht. 
 
Moralischer Relativismus wäre heute, in der Postmoderne, wenn man so will, anachronistisch, bestenfalls herablassend, schlimmstenfalls schändlich. Aber nicht, weil – wie Herr Weber es sieht – es gar so schlimme Praktiken da draußen bei den Anderen gibt, die man nicht dulden darf. Nein: So lange es einen gibt, der relativiert (wir), und einen, der relativiert wird (die), so lange hängt der Blick auf die Welt schief. Denn es darf nicht allein um den Anderen gehen; vielmehr muss das (konstitutive) Verhältnis der Zivilisation zu ihrem Anderen im Fokus stehen. Und sogar ein lediglich deskriptiver Relativismus wäre konsequenterweise auch auf uns und das Unsere anzuwenden, und dabei käme die Zivilisation zu leicht davon. Wenn Relativismus dazu dienen könnte, auch unsere Lebensweise zu relativieren, die sich ja spätestens jetzt als globale Vernichtungsmaschine von Mensch und Umwelt herausgestellt hat, müssen wir zu Anti-Relativisten werden. Und dazu haben wir einen besseren Stichwortgeber als Jared (trotz dessen gelegentlicher Krawallbereitschaft) – nämlich Stanley, den ursprünglichen und überlegenen Diamond der Ethnologie: klarer, härter, facettenreicher. 
 
Stanley Diamond ist in Deutschland im Prinzip nicht rezipiert worden, wie uns Wolf-Dieter Narr im Vorwort der „Kritik der Zivilisation“ bestätigt (im Englischen kühner In search of the primitive), – schade, und hier in blog-konformer Kürze auch kaum nachzuholen. Und doch: Diamond (immerhin Begründer der Dialektischen Anthropologie) bietet uns in seinem Werk einen widerborstigen politischen Gegenentwurf für unser Verhältnis zur primitiven Gesellschaft. (Dass die meisten Ethnologen heute ganz viele andere Sachen machen als in archaischen Lebenswelten teilnehmend zu beobachten, ist klar und geschenkt.) 
 
Der Diamond’sche Ansatz zum „Primitiven“ nimmt die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit ernst – sehet!, verkündet er völlig zu Recht, es gibt genuin andere Formen der Vergesellschaftung, andere Möglichkeiten der Existenz jenseits der staatlich verfassten kapitalistischen parlamentarischen Demokratie. Diese haben auch historische Priorität – sie waren „zuerst“ da, und haben eine Spannbreite an Ausformungen des menschlichen Potentials ermöglicht, die zu erfassen uns immer noch beschäftigt. Das Wort „primitiv“ bezieht sich entsprechend auf diese Priorität, und nicht auf wie auch immer imaginierte Defizite. In diesen anderen Formen sollen wir uns jedoch nicht im „bürgerlichen Eskapismus“ (wieder Narr) gesundbaden – so etwa stellt sich Herr Weber den Kulturrelativismus vor. Vielmehr vermag die Ethnologie aus ihrer Begegnung mit alternativen Existenzweisen die Kosten der Fortschrittsversessenheit, der institutionalisierten Herrschaft, des Imperialismus, des Wachstums, und ja, des Kapitalismus herauszuarbeiten. Denn die Ethnologen wissen: Es geht auch anders. Clastres, Graeber, Scott und Sigrist winken verschmitzt. Aus der Tatsache, dass unsere Gesellschaftsform sich gegenwärtig global immer weiter durchsetzt und Alternativen verschwinden macht, folgt weder ihre Notwendigkeit noch ihre – humanistisch gesprochen – Überlegenheit. 
 
Wenn dieser 40 Jahre alte Ansatz auf manche verschroben oder rührend existentialistisch-marxistisch-ewig-gestrig wirkt, ist das zum Teil einer letztlich zynischen De- und Entpolitisierung geschuldet – eigener Entfremdung gar. Noch einmal Narr: „Wenn man Diamonds ethnologisch informierten anthropologischen Aufruf verstehen will, muß man sich der gegenwärtigen Begriffs- und Bewußtseinskostüme zu entledigen trauen, sich-Hegelisch-hinauswerfen, um ‚belehrt’/gelernt wieder zu sich selbst kommen zu können.“ (1976: xvi). 
 
Die Ethnologin wird hier nicht, um es klar zu sagen, zum salvage anthropologist stilisiert, die bewahren muss, was dem Untergang geweiht ist. Die Ethnologin wird auch nicht zur moralischen Kulturrelativistin, die der Anderen ihre Eigenheiten zugesteht. Die Ethnologin wird hier vielmehr zu einer politischen Figur, die den fundierten „ja aber“-Einwurf als existentielle und wie immer dringende Aufgabe versteht. Diamond sieht die drohende Katastrophe, bzw. sah sie vor 40 Jahren (z.B. in Biafra), und nimmt die Ethnologie in die Pflicht, zu vermitteln und die Möglichkeit anderer Lebensweisen zu bezeugen – täte sie das nicht, sei sie überflüssig. Damit sind wir bei der Dialektik in der Ethnologie angekommen, die auf dieser stetigen Mediation beruht und eben nicht den Anderen als solches betrachtet, sondern (auch modellhaft) immer in Bezug auf uns. 
 
Diamonds Vorbemerkung zur „Kritik der Zivilisation“ endet auf einer verstörend aktuellen Note: „Diese Aufsätze werden also als bescheidenes Gegenmittel gegen die Entfremdung, Schuld, Angst und Sorge angeboten, zu der die Menschen in unserer modernen imperialistischen Zivilisation verdammt sind. Ich wäre dankbar, wenn sie insbesondere in einer Zeit von irgendeinem Nutzen sein sollten, in der das amerikanische Volk die Chance hat, in aller Nacktheit die soziale Realität zu erkennen, die zu beweihräuchern es erzogen und zu akzeptieren es verführt worden ist“ (1976: 5). Die hier formulierte Herausforderung für die Ethnologie (und das „amerikanische Volk“) möchte ich so stehen lassen, als Denkanstoß oder Provokation. Die eingangs formulierte anti-relativistische Position hat sich nun allerdings konkretisiert: Kulturrelativismus läuft in seinen verschiedenen Formen mehr oder weniger Gefahr, ahistorisch und entpolitisierend zu wirken. Er stellt den Anderen auf den Prüfstand (auch wenn er ihn teilweise freispricht), auf den wir aber eigentlich selber gehören. Und damit kehre ich zurück zum casus belli
 
Ein globalisierter und privilegierter weißer Journalist denunziert kommunalisierte Lebensweisen, die und deren Träger weltweit allen denkbaren Zumutungen ausgesetzt sind, durch cherrypicking einzelner Praktiken. Das ist was vorliegt. Herr Weber erweist sich in seinem Beitrag als schreibfedergewordenes TINA-Prinzip: „there is no alternative“ zu unserer Lebensweise, alle uns nach!, je früher desto besser. Wenn es sie nicht schon gäbe, hätte die Ethnologie als Antwort auf genau diese Haltung erfunden werden müssen. Es gibt sie aber, also sollten wir antworten – welchen ethnologischen „Dialekt“ wir für unsere Antwort wählen, sei jedem freigestellt. 
 
Anstatt Rückzugsgefechte gegen die „Mär vom edlen Wilden“ zu führen und den Kulturrelativismus zu rehabilitieren, müssten wir vielmehr unsere Kritik an der „Mär von der nichtentfremdeten Existenz im Spätkapitalismus“ in alle Hütten und Paläste tragen. Niemand will zurück zum Primitiven – der Primitive ist ja auch immer noch mitten unter uns im Weltsystem. Diese anderen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Lebens ernsthaft zu verstehen, ist mit Diamond das vornehmste Beschäftigungsfeld einer nicht Schmetterlinge sammelnden Ethnologie. Texte wie die von Herrn Weber hingegen nehmen die Auslöschung des Primitiven schulterzuckend hin, da sie ihnen ja eh unvermeidlich bis wünschenswert erscheint. Denn damit wäre die letzte Widerständigkeit gegen uns beseitigt. Dann beginnt unser Goldenes Zeitalter, das beste, das es je gegeben haben wird, und die Heimsuchung unserer schlaflosen Nächte durch den Verdacht, dass eine andere Welt möglich ist, endet. Erst dann ist der Wilde wahrlich veredelt – denn dann ist er wie wir, und die stets verunsichernde Dialektik hat sich auch erledigt. 
 
Addendum, da es ja auch wieder um Südäthiopien ging: 
 
Dank Herrn Weber und einigen seiner ähnlich gepolten Vorläufern (immer Männer, irgendwie) werden wohl in Zukunft Ethnologen, die in Süd-Omo arbeiten, immer seltener den anklopfenden Journalisten privilegierte Einblicke in diese Region eröffnen, die nach wie vor eine besondere Faszination ausübt. Auch ich selber habe vor Jahren schon bereuen dürfen, vor Ort einen GEO-Autor unterstützt zu haben (vgl. GEO 12/2006). Als Stichwortgeber für chauvinistische Projektionen zu exotisierenden Bildern aus Coffee-Table-Books muss man sich bei aller Begeisterung für öffentliche Ethnologie ja nicht hergeben. 

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