Von Unterschieden, Unterscheidungen und politisch motivierten Relativierungen

Worum geht es hier und warum lohnt es sich, darüber zu diskutieren? Ein uninformierter Wissenschaftsjournalist, der an anderer Stelle[1] von sich behauptet, den akademischen Betrieb als eine Art Dolmetscher kritisch zu beobachten, und gerne „große, tiefe Geschichten“ schreiben möchte, wie sie bei der Süddeutschen Zeitung noch möglich seien, veröffentlicht einen oberflächlichen, uninformierten und verquasten Artikel. In diesem vermischt er seine Kritik an dem exotisierenden Bildband eines britischen Foto-Journalisten, der anhand bewusst inszenierter Porträts von Jägern und Kriegern vor dem Aussterben „indigener Völker“ warnen will, mit einer Kritik am akademischen Wirken der Ethnologie, die immer noch recht gut darin sei, „solche Praktiken“ aus der inneren Logik dieser Gesellschaften zu erklären. Mit „solchen Praktiken“ meint der Autor „abscheuliche Gewohnheiten“ wie das Tragen von Lippentellern, vor allem aber traditionslegitimierte Gewalthandlungen wie die Altentötung oder die Genitalverstümmelung. Da das eine, der kitschige Fotobildband, nichts mit dem anderen, der Ethnologie, zu tun hat, könnte man die ganze Angelegenheit schnell in der Schublade ‚unprofessioneller Journalismus‘ ad acta legen.
 
Aus mindestens zwei Gründen ist die bisher geführte Diskussion jedoch durchaus interessant, denn sie verweist, wie schon Matthias Krings vor zwei Wochen in seinem Beitrag zu diesem Blog vor Augen führte, auf zwei empfindliche Stellen, an denen die Fachvertreter_innen das Selbstverständnis des Faches in Frage gestellt sehen. Ich folge hier seiner Argumentation und erweitere diese um eigene Überlegungen. Zum einen reagieren Ethnolog_innen äußerst sensibel auf jene mediale Aufmerksamkeitsökonomien, in denen die Ethnologie für Darstellungen von Traditionalismen und Rückständigkeiten herhalten muss, ohne dass man sich mit den eigentlichen Forschungsfeldern des Faches befassen würde. Hinter dem äußerst problematischen populären Bild der Ethnologie in der Öffentlichkeit liegt meines Erachtens ein tiefergehendes Kommunikationsproblem zwischen Ethnolog_innen, die anhand ihrer Forschungen auf die Komplexität kultur- und gesellschaftsspezifischer Zusammenhänge verweisen möchten, und jenen Medienexpert_innen, die im Kontakt mit Ethnolog_innen eine Bestätigung primitivistischer und populistischer Imaginationen des Fremden suchen. 
 
Erst vor Kurzem wurde ich von einem französischen Journalisten angefragt, der für eine arte-Dokumentarfilmreihe über ‚traditionelle Liebe’ in verschiedenen Weltregionen auf der Suche nach wissenschaftlicher Begleitung war. Neben zeitökonomischen Gründen führte vor allem seine längst getroffene Fokussierung auf ‚vormoderne’ Paarkonstellationen im traditionellen, ländlichen Raum zu meiner Absage. Da Wissenschaft kein Dogma sein kann, ist anzunehmen, dass der Journalist, der immerhin für eine äußerst renommierte Fernsehanstalt arbeitet, an anderer Stelle fündig werden wird, um seine Darstellung durch ‚wissenschaftliche’, evtl. sogar ethnologische Begleitung absegnen zu lassen. In dieser Hinsicht ist tröstlich, dass ‚die Anderen’ durchaus in der Lage sind, sich zu artikulieren. Der eingangs erwähnte Bildband von Jimmy Nelson, der Anlass zu der hier geführten Diskussion gab, wurde schon vor drei Jahren deutlich von Indigenen-Organisationen kritisiert, weil sie lediglich die exotistischen Fantasien des Fotografen abbildeten.[2]
 
Der zweite Grund für die empfindliche Reaktion des Faches ist komplexer. Er hängt mit den ‚abscheulichen Gewohnheiten’ zusammen, die der Journalist anprangern möchte. Und vielleicht trifft er ja damit einen Nerv. Wie gehen wir eigentlich damit um, wenn jene, über die und mit denen wir arbeiten, gewalttätig handeln und damit Menschenrechtsverletzungen begehen? Der Autor nennt einige Beispiele, und daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer Konstellationen, in denen Ethnolog_innen als ‚Kulturexperten’ aufgefordert sind, sich zu so genannten ‚Kulturdelikten‘ zu äußern. In Zeiten wie jetzt, in denen ‚das Fremde’ anderer Lebensweisen politisch aufgeladen wird, um rechtspopulistische Xenophobien zu untermauern, fällt es mitunter schwer, abwägende, komplexitätssteigernde Erörterungen einer Problemkonstellation durchzusetzen. 
 
Versuchshalber sei hier auf ein äußerst sensibles Thema verwiesen, das in dem betreffenden (und eigentlich kaum erwähnenswerten) Artikel genannt wird – die operative Veränderung der weiblichen Genitalien (siehe auch Passagen im Beitrag Cora Benders zu diesem Blog). Richtig: In den 1970er Jahren waren es vorwiegend die Vertreterinnen einer feministischen Ethnologie, in Arbeitsteilung mit zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die sich ausführlich mit diesem vor allem, aber keineswegs nur, in muslimischen Ländern[3] verbreiteten Phänomen befassten und sich darum bemühten, die ihm zugrundeliegenden geschlechter- und generationenspezifischen Machtbeziehungen oder ihre sozio-symbolische Bedeutung zu verstehen und mit ihren Arbeiten zu einem kritischen Bewusstsein beizutragen. Selbstverständlich ging es auch damals nicht darum, ein solches Handeln zu verteidigen oder gar zu rechtfertigen. Letzten Endes führten jedoch auch massiver internationaler Druck und nationale Verbote sowie umfangreiche Gesundheits- und Aufklärungskampagnen keineswegs zum Rückgang der Praxis, im Gegenteil: Heute wird die Genitalmodifikation, -beschneidung oder -verstümmelung[4] auf allen fünf Kontinenten durchgeführt und dies in einigen Regionen mit steigender Tendenz.[5]
 
Mitnichten handelt es sich dabei, wie in dem schon zuvor kritisierten Artikel erwähnt, ausschließlich um ‚kleine isolierte Völker’. Auch in Europa oder Nordamerika sieht sich das medizinische Personal von Schönheitskliniken immer häufiger mit Anfragen nach einer irreversiblen Genitalmodifikation konfrontiert. Dabei wird jedoch unterschieden, und zwar nicht nur zwischen einzelnen Varianten der ästhetischen Genitalchirurgie, sondern vor allem zwischen zwei unterschiedlichen Klienteltypen: Zum einen suchen Migrant_innen, in deren Herkunftsländern die Genitalbeschneidung gängig ist, die Kliniken auf, um eine Operation – an sich selbst oder ihren Kindern – unter angemessenen hygienischen Standards durchführen zu lassen. Zum anderen gibt es auch unabhängig von vorausgegangener Migration immer mehr Menschen, Männer wie Frauen, die ihre Genitalien, die sie als ambivalent, ‚unnatürlich’ oder unästhetisch empfinden, im Zuge einer medizinischen Operation anpassen lassen.[6] Vor allem im Zusammenhang mit physisch diagnostizierter Geschlechterambiguität sind chirurgische Eingriffe schon seit langem üblich. Lange Zeit geschah dies in aller Regel im Säuglingsalter über die Köpfe der Betroffenen hinweg, wenn Eltern und Ärzte ihnen zu mehr ‚Eindeutigkeit’ verhelfen und damit ihr anzunehmendes psychisches Leiden lindern wollten. Im Zusammenhang mit einem allgemeinen Trend zu Körpermodifikationen, der sich auch an Tätowierungen, Skarifizierungen, Piercings oder Implantaten äußern kann, suchen überdies zunehmend mehr Frauen einen Chirurgen auf, um sich die Schamlippen, die Klitoris oder den Anus operativ anpassen zu lassen. Ein solcher Eingriff, auch als „Nymphoplastie“ bezeichnet, wird mitunter auch von Minderjährigen erwünscht.[7] Vergleichbar mit einer Brustvergrößerung oder -verkleinerung unterstütze er den Befürwortern zufolge das Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein dieser Frauen, die ihren Körper als unzureichend empfinden und sich eine höhere sexuelle Attraktivität wünschen. Die spanische Rechtsanthropologin Maria Catarina La Barbera schreibt hierzu: 

„Although it is believed that African women undergo ritual female genital cuttings because of their low level of education, Western women increasingly undergo painful and health hazardous cosmetic surgery in spite of their high level of education and their ‘liberated’ way of life. Cosmetic genital surgery, such as hymen repair, vaginal tightening, clitoral hood removal (clitorodomy), lifting, and reduction of the labia, are increasingly performed for non-therapeutic reasons. Substantially, they do not differ from ritual female genital cuttings, apart from being performed in hospitals and being performed for enhancing sexual pleasure, rather than for celebrating a traditional rite” (La Barbera 2009: 495).

Der Versuch, die verschiedenen Varianten voneinander zu unterscheiden, konzentriert sich vor allem auf zwei Kriterien: die Möglichkeiten der Einwilligung und die Folgen für die Sexualität der beschnittenen Person. Mittels eines systematischen Vergleichs zeigt Théodore Bennett, dass anhand dieser Kriterien keine eindeutige Unterscheidung möglich sei. Beide Varianten, kosmetische Chirurgie und Genitalbeschneidung, enthalten ihm zufolge sowohl Indizien für eine unfreiwillige Unterwerfung unter normative Körperstandards und mögliche negative Folgen für die sexuelle Empfindsamkeit als auch Indizien für ein höheres Maß an sexueller Identität und Befreiung.[8] Schädigend seien sie jedoch eindeutig auf gesellschaftlicher Ebene, da die Akteurinnen zu Komplizinnen disziplinierender Handlungen werden, indem sie die Normativität einer „patriarchal cultural machinery“[9] bestätigen und damit fortschreiben (siehe hierzu ebenfalls den Blog-Beitrag von Cora Bender).
 
Eine Reihe weiterer Arbeiten beleuchtet den doppelten Standard, mit dem beide Formen der ästhetischen Genitalmodifikation auch auf politischer und rechtlicher Ebene wahrgenommen und behandelt werden. Die rechtlichen Verbote, die in zahlreichen Ländern seit den 1980ern durchgesetzt wurden, unterscheiden nicht zwischen Motiven, Risiken, Umständen, dem Alter oder der Reife der Person, deren Einverständnis oder Autonomie. Daher würden eigentlich auch Praktiken wie die Entfernung der Vorhaut bei Muslimen und Juden oder die Nymphoplastie unter dieses Verbot fallen – de facto werden werden diese jedoch als Ausnahmen markiert, damit sie nicht strafrechtlich verfolgt werden müssen.[10] 
 
Obwohl die verschiedenen Varianten der Körpermodifikation in ihrer medizinischen Praxis vergleichbar sind und mit ähnlichen medizinischen Komplikationen einhergehen können, obwohl sie einem vergleichbaren anatomischen Konformismus entsprechen, der kulturelle, normative und hegemoniale Konzeptionen des Körpers und Sexualität fortschreibt, wird die Nymphoplastie als Ausdruck einer evtl. skurrilen, in jedem Fall aber individuellen Autonomie und die Genitalbeschneidung bei ‚Frauen mit Migrationshintergrund’ als Ausdruck patriarchaler Unterdrückung gewertet. 
 
Es geht mir an dieser Stelle weder darum, gewalttätiges Handeln zu banalisieren und das Recht von Mädchen, Frauen oder auch Männern zu hinterfragen, sich gegen Eingriffe in ihre Körper zur Wehr zu setzen, noch geht es mir darum, körperästhetische Bedürfnisse, egal wo sie sich artikulieren, zu diffamieren. Es geht mir vielmehr darum, auf die widersprüchlichen Bewertungsstandards hinzuweisen. Eine gründliche Lektüre der einschlägigen Literatur, die nicht nur von Ethnolog_innen, sondern auch von anderen Sozialwissenschaftler_innen angeboten wird,[11] verdeutlicht, dass wir es hier vor allem mit einer rassistischen Unterscheidung zwischen den Handlungen am Körper der Migrantin zu tun haben, die als Opfer vor der Barbarei ihrer Kultur zu schützen sei, und der aufgeklärten westlichen Frau, die ihren eigenen Körper selbstbewusst entsprechend ihrer eigenen Ideale zu gestalten weiß. Angesichts der hier diskutierten Frage, wie wir uns gegenüber den ‚abscheulichen’ Praktiken ‚primitiver Völker’ zu verhalten haben, wird deutlich, dass irrationales Handeln besonders gerne in der geographischen oder kulturellen Ferne gesucht und gefunden wird, obwohl Unterscheidungen zwischen ‚hier’ und ‚dort’, ‚traditionell’ und ‚postmodern’ nicht funktionieren.[12] Wenn substanziell ähnliche Praxen gänzlich unterschiedlich klassifiziert werden, muss letzten Endes reales Leid dafür herhalten, die ideologische Unterscheidung zwischen unserer eigenen ‚westlichen Kultur‘ und der ‚barbarischen Tradition’ der Anderen und damit die Differenz zwischen Eigenem und Fremden aufrecht zu erhalten.[13] 
 
Es stimmt ja: Menschliches Verhalten ist nicht immer nur komplex, sondern häufig auch kompliziert, widersprüchlich, manchmal skurril, ‚abscheulich’ und irritierend und oft schwer verständlich. Vor allem ist es jedoch eins: erklärungsbedürftig. Eine (selbst)kritische und reflexive Disziplin wie die Ethnologie ist daher unerlässlich, um plurale Perspektiven auf „eingeknotete Prozesse der Wirklichkeitsherstellung“ (Guido Sprenger in diesem Blog) zu erreichen, die sich mitunter schwer lokalisieren lassen. Letzlich können wir auf diese Weise auch uns selbst den Spiegel vorhalten, um das Zusammenspiel von Körpernormen und Geschlechtlichkeit, deren institutionelle und gesundheitsökonomische Rahmungen, die entsprechenden medialen Repräsentationen und unterschiedliche politische und rechtliche Bewertungsstandards zu durchschauen.
 
 
Fußnoten
 
[1] http://www.wissenschaftskommunikation.de/im-profil-christian-weber-2505/.
[2] https://www.theguardian.com/global-development/2014/oct/29/jimmy-nelson-....
[3] Bennett 2012: 55.
[4] Die Bezeichnung der Praxis ist hoch umstritten und Teil ihrer politisierten Rahmung. Siehe hierzu bspw. La Babera 2009: 487-489 oder Boddy 2007.
[5] Bader 2016: 582, Bennett 2012: 53, Shell-Duncan & Naik 2016.
[6] Danelzik 2014: 26.
[7] Bader 2016: 583, Boddy 2016.
[8] Bennett 2012: 56-68.
[9] ebd: 66.
[10] Danelzik 2014: 23.
[11] Ahmadu 2007, Bader 2016, Bennett 2012, Boddy 2007, 2016, Coulter 2005, Danelzik 2016.
[12] Siehe zum Kontinuum ritueller Verstümmelung bspw. Boddy 2016.
[13] La Barbera 2009: 486.
 
 
Zitierte Literatur
 
Ahmadu, F. 2007: Ain’t I a woman, too? Challenging myths of sexual dysfunction in circumcised women. In: Hernlund, Y. und Shell-Duncan, B. (Hg.) 2007: Transcultural Bodies. Female Genital Cutting in Global Contexts. New Brunswick: Rutgers University Press: 278-310.
Bader, D. 2016: Nationalisme sexuel: le cas de L’excision et de la chirurgie esthétique génitale dans les discours d’experts en Suisse. In: Swiss Journal of Sociology 42 (3): 573-591.
Bennett, T. 2012: Beauty and the Beast: Analogising Between Cosmetic Surgery and Female Genital Mutilation. In: Flinders Law Journal 14 (1): 49-68.
Boddy, J. 2007: Gender Crusades. The Female Circumcision Controversy in Cultural Perspective. In: Hernlund, Y. und Shell-Duncan, B. (Hg.) 2007: Transcultural Bodies. Female Genital Cutting in Global Contexts. New Brunswick: Rutgers University Press: 46-66.
Boddy, J. 2016: The normal and the aberrant in female genital cutting. Shifting paradigms. In: HAU. Journal of Ethnographic Theory. DOI: http://dx.doi.org/10.14318/hau6.2.008 
Coulter, C. 2005: Reflections from the Field: A Girl’s Initiation Ceremony in Northern Sierra Leone. In: Anthropological Quarterly 78 (2): 431-441.
Danelzik, M. 2014: Racialized body modifications – framing genital mutilation, cosmetic surgery and gender assignment surgery. In: Networking Knowledge 7 (3): 21-39.
LaBarbera, M. C. 2009: Revisiting the anti-female genital mutilation discourse. In: Diritto Questioni Pubbliche (2009): 485-507.
Shell-Duncan, B. and R. Naik 2016: A state-of-the-art synthesis on female genital mutilation/cutting: What do we know? New York: Population Council.
 
 

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