Denn alles Fleisch, es ist wie Gras!

Anmerkung der Redaktion: Marpurg uff Fastnacht 2017

Dieser Blog verdankt sein Entstehen einem Feuilleton-Aufsatz, doch um den geht es hier inzwischen kaum noch, sondern allgemein um ethnologischen Kulturrelativismus. Den möchte ich aber auch noch einmal auf jenen Aufsatz anwenden. Ich nehme ihn zum Beispiel einer von vielen widersprüchlichen Facetten unserer uneinheitlichen Kultur: Der Feindschaft gegen schöne Bilder.
 
Die Hauptkritik des Aufsatzes an den Fotos des britischen Starfotografen Jimmy Nelson ist, sie seien nicht echt, sondern gestellt, und sie verschwiegen, was hinter der Bühne geschieht, was „nicht zu sehen ist“, nämlich:

„ [...] dass die Lebenserwartung in indigenen Völkern mangels ordentlicher Gesundheitsversorgung in der Regel niedrig ist, dass Hexenglaube und Gewalt in all ihren Formen sehr stark verbreitet sind, soziale Beziehungen wie Freundschaften sehr viel zweckorientierter sind“ – all das verknüpft mit „einer schlechteren Ernährung“ und „unnötigen Ängsten“.

Nehmen wir einmal die Pauschalisierungen hin, die ja in einem Feuilletonaufsatz ebenso wenig vermeidbar sind wie in meinem Blogbeitrag. Und fragen wir also nicht weiter, auf welcher empirischen Grundlage ein Satz wie der beruht, dass bei jenen Völkern „Freundschaften sehr viel zweckorientierter sind“. Aber ich habe zwei Anmerkungen.
 
1.) Ich würde bestreiten, dass diese Misere nur daher kommt, dass jene Völker indigen sind. Vielmehr hat sie auch viel mit dem Doppelgesicht der Moderne zu tun: Einerseits medizinischer und humanitärpolitischer Fortschritt, andererseits Verelendung und die vom Autor zwar genannte „Gewalt in allen ihren Formen“, die aber gerade im Zielgebiet moderner Raketen und Kalaschnikows zu finden ist. Die Gesundheitsversorgung wurde keineswegs überall dort massiv verbessert, wo der Westen gesiegt hat. Denn mit dem Sieg kamen eben nicht nur die wundervollen Fortschritte der Pharmazie und die von Missionaren gepredigte christliche Nächstenliebe, sondern auch das Leiden in den neuen Elendsvierteln der Welt und die Vergrausamung der Waffentechnik. Fakt ist, dass die Lage der Nachkommen der sog. Stammesvölker heute oft schrecklich ist, nicht weil sie in Traditionen verharren, sondern weil sie zu Opfern der Globalisierung wurden. Dass ihre Ängste „unnötig“ seien, würde ich daher nicht sagen, auch wenn sie oft fremdartige Formen annehmen. „Hexenglaube“, ja, den gibt es, aber er nimmt zu, ist ein zunehmend modernes Phänomen gerade auch in den urbanen Zentren.
 
2.) „Unnötige Ängste“, meint der Autor, müssen sichtbar gemacht, entlarvt und dadurch geheilt werden. Da ist es ihm ein schlimmes Ärgernis, wenn Menschen sich von ihrer Schokoladenseite fotografieren lassen, ohne ihre Ängste, ihren Hexenglauben und ihre schlechte Ernährung zu zeigen. Und wenn der Fotograf da auch noch mitmacht, ja sich nicht entblödet, zuzugeben, dass es ihm um das Würdigen von Stolz und Selbstbewusstsein, ja gar um eine „aesthetic, romantic, subjective, iconographic representation of people” geht (der Fotograf Jimmy Nelson in The Times, UK News, 03.06.2014 gegen den Vorwurf, seine Bilder seien zu schön) - „aesthetic”, welch schreckliches Wort, welche Nichtbeachtung des Weltschmerz-Gebotes! Sünde! Sünde!
 
Aber dürfen die das nicht vielleicht doch, wenn sie sich so zeigen wollen, selbstbewusst, ästhetisch? Gewiss ist es sinnvoll, Fotos von hungernden Kindern aus dem Jemen zu zeigen. Gewiss ist es die Aufgabe von Fotojournalisten, das Elend dieser Welt offenzulegen. Aber soll deshalb keine ästhetische oder gar theatralische Fotografie mehr möglich sein? Ist alles, was nicht „echt“, nicht „authentisch“ und noch nicht einmal leidend ist, verboten?
 
Das passt zu der Kultur des Grauschleiers, die sich bspw. in der evangelischen Reformation zeigte. Deren unmittelbarer Anlass waren ja zwei Dinge: Dass die Kirche Geld für einen wunderschönen Prachtbau (den Petersdom) sammelte, und dass sie dafür den Ablasshandel nutzte, eine leicht durchschaubare Lüge. Zwar steckten hinter der Reformation auch tiefgreifende theologische Differenzen und Umbrüche, aber die Verdammnis von Prunk und Lüge war doch besonders wirksam und mobilisierte fromme Massen. Du sollst keinen Spaß haben! Du sollst dich nicht stolz und geschmückt präsentieren!
 
Du sollst traurig sein! Und wenn du ein Indigener bist und mit einer stolzen Pose dein alltägliches Elend überspielst: Pfui, weißt du nicht, dass Stolz und Pose Sünde sind? Sei gefälligst traurig, nimm dir ein Vorbild an den verhungernden Kindern im Jemen! Sei ein Skelett wie die, sonst bist du ein Sünder, der keine Buße tut!

Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.

Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen
(Brahms: Ein deutsches Requiem, nach 1. Petrus 24).

Das ist wunderbar poetisch, aber ist es ein Verbot der Schönheit? Nein, ich meine, dass ein Fotograf auch einmal Menschen zeigen darf, die posieren. Er darf auch schönen Schein zeigen, Illusionen, so lange er damit nicht die Absicht derjenigen, die sich ihm zeigen, verfälscht. Wenn diese Indigenen sich stolz und schön zeigen wollen, dann kann es gerade die Pflicht des Fotografen sein, ihnen dabei zu helfen.
 
Die Fotos von Jimmy Nelson stehen in einer großen Tradition des Fotografierens und des Posierens fürs Foto. Schon in den berühmten Porträts nordamerikanischer Indianer um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeigten sich diese bewusst würdevoll und federgeschmückt. Verfolgung und Entrechtung wurden darüber nicht vergessen, aber die Verfolgten setzten dem eine bildliche Gegenwelt entgegen, die bis heute ihren Stolz und ihre Größe bewahrt und ihren Nachkommen ein Vorbild ist.
 
Die Ethnologie, um auf sie zurückzukommen, schildert natürlich auch das Elend. Aber sie nimmt auch die Inszenierungen und Posen der von ihr Erforschten ernst und tut sie nicht büßerfrömmelnd als unecht und nicht elend genug ab.
 

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