Ethnologie und Öffentlichkeit: oder die Kunst, zwischen den Stühlen zu sitzen

Warum reagieren deutsche Ethnologinnen und Ethnologen derart dünnhäutig auf ein paar journalistische Seitenhiebe auf ihr Fach? Auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer zu gelten: Der Journalist, dessen Artikel diesen gelehrten ‚Shitstorm‘ auslöste, hat einen wunden Punkt getroffen, sonst würden sich nicht so viele von uns bemüßigt fühlen, Repliken zu verfassen. Er trifft das Fach und seine Vertreterinnen und Vertreter in zweifacher Hinsicht, freilich anders als beabsichtigt, sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge. Es bietet sich deshalb an, weniger die Anwürfe des Journalisten, zu denen ohnehin bereits alles Nennenswerte geschrieben wurde, als vielmehr die teils heftigen Reaktionen darauf zum Anlass zu nehmen, um über die Verwundbarkeit der Ethnologie nachzudenken, die darin zum Vorschein kommt.
 
Erstens: die Ethnologie befindet sich gegenwärtig – zumal in Deutschland – in einer paradoxen Situation. Einerseits ist der Bedarf an ethnologischen Kommentaren zu aktuellen öffentlichen Debatten, die sich aus einer zunehmenden kulturellen Diversifizierung unserer Gesellschaft ergeben, heute größer denn je. Auch im ‚langen Sommer der Migration’ des Jahres 2015, als sich angesichts neuer Zuwanderungstrends neue Fragen und Probleme ergaben, waren Ethnologinnen und Ethnologen jedoch – bis auf einige Ausnahmen – kaum zu hören. Andererseits sieht sich die Ethnologie einer wachsenden identitätspolitisch motivierten Kritik durch postkoloniale Aktivistinnen und Aktivisten gegenüber, die sich in Debatten um museale Praxis und Repräsentationsfragen niederschlägt (Claus Deimel und Bernhard Streck haben in ihren Beiträgen bereits darauf verwiesen). Die Dinge sind also in mehrfacher Hinsicht komplizierter geworden als sie es vielleicht noch vor kurzem waren: ‚das‘ Fremde steht in Gestalt von leibhaftigen Fremden vor der eigenen Haustür (und begnügt sich nicht länger damit, ein überseeisches Dasein an der globalen Peripherie zu fristen, um dort von Zeit zu Zeit heimgesucht zu werden und als Kontrastfolie globaler Metropolen zu dienen), sondern fordert uns – Ethnologinnen, Ethnologen und alle anderen, die hierzulande leben – zu einem angemessenen Umgang mit ihm auf. Gleichzeitig sprechen selbsternannte Stellvertreterinnen und Stellvertreter der ehedem überseeisch Ethnografierten qua rassifiziert gedachter (Nicht-)Zugehörigkeit ‚weißen‘ Ethnologen (und wohl auch Ethnologinnen) die Berechtigung ab, weiter wie bisher zu forschen. Die abfällige Floskel von ‚weißen alten Männern‘ macht als Chiffre für unreflektierten Rassismus die Runde. Und als wäre das nicht schon genug, wird es im savage slot (Trouillot), in dem sich die Ethnologie Jahrzehnte lang eingerichtet hat (in Deutschland deutlich länger als andernorts), auch noch zunehmend enger. Spezialisten für das Fremde allenthalben – Journalisten, Aktivisten, Künstler, diverse Nachbarwissenschaften, von den ehemaligen Nationalphilologien bis zur Volkskunde/Kulturanthropologie: die Ethnologie hat ihre alleinige Zuständigkeit für das exotische Andere schon lange eingebüßt, außerhalb des akademischen Betriebs konnte sie sie ohnehin nie ganz für sich beanspruchen (siehe den Beitrag von Klaus-Peter Köpping).
 
Dieser Befund muss nun keineswegs frustrieren, sondern stellt eine Chance dar, das Profil der Ethnologie – bzw. der Sozial- und Kulturanthropologie, wie das Fach an einigen Universitäten im deutschsprachigen Raum bereits konsequenterweise genannt wird – zu schärfen. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Feld des Akademischen, als vielmehr um das der Öffentlichkeit. Hier zirkulieren offensichtlich Vorstellungen über unser Fach, die mit den Dingen, mit denen sich Ethnologinnen und Ethnologen befassen und der Art und Weise, wie sie dies tun, kaum noch etwas gemein haben. Das populäre  Bild des Ethnologen ist mindestens genauso überaltert und imaginär wie das Bild des edlen Wilden – und daher obsolet.
 
In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation, die durch verstärkte kulturelle Verflechtungen, die Begegnung, Verschmelzung oder auch Konfrontation heterogener kultureller Horizonte und Praktiken gekennzeichnet ist, ist die Ethnologie dazu aufgefordert, ihre zentralen methodischen und epistemischen Errungenschaften – Reflexivität, Relativismus, (Multi-)Perspektivismus – in die öffentliche Debatte einzubringen. Thomas Hylland Eriksens Befund, wonach die Sozial- und Kulturanthropologie einfachen Antworten auf komplexe Fragen generell skeptisch gegenübersteht, hat auch nach über zwanzig Jahren nichts an Gültigkeit verloren. Uns muss daran gelegen sein, die öffentliche Debatte, in der oft einfache, normativ aufgeladene Fragen dominieren und in dieser Form auch an Ethnologinnen und Ethnologen herangetragen werden (Ist das Logo einer Dachdeckerfirma rassistisch? Ist der Hijab ein Zeichen weiblicher Unterdrückung?), durch komplexe, differenzierende Antworten zu bereichern. Dabei gilt es, kritische Distanz gegenüber allen eingenommenen Perspektiven zu bewahren und sich nicht leichtfertig einer einzigen – moralisch opportunen – anzuschließen. Vielmehr beruht Ethnologie auf der Kunst, den Standpunkt beweglich zu halten, und der Bereitschaft, sich dadurch auch – zumal in öffentlichen Debatten – zwischen alle Stühle zu setzen. Sie sollte in erster Linie nüchterne Wissenschaft sein, die einen Beitrag zur öffentlichen Debatte liefern kann, nicht politisches Projekt. Bisweilen lugt zwar das Bemühen um die „Rehabilitation des Primitiven“ (Streck), das in der ethnologischen Fachgeschichte eine wichtige Rolle gespielt hat, auch heute noch aus ethnologischen Wortmeldungen hervor. Man möge uns diesen Fürsprachereflex als überkommene déformation professionelle nachsehen. 
 
Zweitens: Kulturrelativismus ist in erster Linie ein methodologisch-epistemisches Rüstzeug und als solches kann er – zunächst einmal – nicht hoch genug geschätzt werden. Wer die Welt aus den Augen Anderer verstehen möchte, sollte deren Haltungen und Praktiken möglichst unvoreingenommen gegenübertreten bzw. über seine intuitiven Wertungen reflektieren, um nicht von vornherein Scheuklappen zu tragen. Dabei ist das Bemühen um Verstehen, darauf hat u.a. bereits Christoph Antweiler in seinem Beitrag hingewiesen, keineswegs mit Verständnis (im moralischen Sinne) zu verwechseln. Zu den Aufgaben von Ethnologinnen und Ethnologen gehört es, die Bedeutung (oder je nach Ansatz auch die Funktion) spezifischer sozialer Praktiken im Kontext kultureller Logiken nachzuvollziehen, was selbstredend auch den Nachvollzug interner Kontroversen über eben diese oder jene einschließt. Insbesondere bei gewaltförmigen Praktiken muss es Ethnografinnen und Ethnografen jedoch schwer fallen, in konkreten Forschungssituationen zwischen professioneller, relativistischer Haltung und spontaner Mitmenschlichkeit zu differenzieren. An dieser Stelle zeigt sich das Verhältnis von Kulturrelativismus und Aufklärung als konkretes ethisches Dilemma: wegblicken bzw. nüchtern zuschauen, wenn jemand betrogen, geschlagen, beschnitten, gesteinigt (die Reihe ließe sich fortsetzen) wird, oder Kritik formulieren und gegebenenfalls auch beherzt eingreifen? Wie ist es um den „praktischen Humanismus“ (Sung Joon Park in seinem Beitrag) in solchen Situationen bestellt? Zugespitzt formuliert könnte man von der professionellen Schizophrenie Ethnografierender sprechen: wertneutrale Ganzkörperrekorder und mimetische Anverwandler während der Arbeitszeit, Humanisten und ethisch Anteilnehmende nach Feierabend. Spätestens hier offenbart der Kulturrelativismus dann auch sein anstößiges Erbe, das auf die koloniale Herrschaftssituation verweist, die durch die Forschenden in ein Nebeneinander verschiedener Kulturen übersetzt wurde. Ethnologinnen und Ethnologen erkannten die Andersartigkeit der Kultur der ‚Eingeborenen‘ zwar mit Wohlwollen an, dachten sich selbst und die von ihnen Erforschten aber nicht in einer Welt zusammen. Das ist zwar heute nicht mehr der Fall, das Verhältnis von Kulturrelativismus und Aufklärung als eines von professioneller Haltung und privater Aktion zu übersetzen, steht jedoch in dieser Tradition. 
 
Insofern verweist der Feuilletonartikel, der diesen Blog auslöste, dann doch auf ein Grundproblem, wenn auch nicht eines des Faches per se, so doch zumindest derer, die es als Forschende betreiben. Dieses Dilemma ist im Übrigen auch anderen Berufsgruppen bekannt, nicht zuletzt Journalistinnen und Journalisten, die aus Krisenregionen berichten. In der vorvergangenen Woche mussten sich zwei Journalisten vor einem schwedischen Gericht wegen eines Aktes praktischer Humanität verantworten, weil sie sich 2014 in Athen – im Rahmen einer Berichterstattung über wachsenden Nationalismus in Folge der sogenannten Flüchtlingskrise – dazu entschlossen hatten, die Kamera beiseite zu legen und einen 14-Jährigen Syrer, der sie um Hilfe gebeten hatte, illegal nach Schweden zu bringen. Die taz (vom 10.2.2017) zitiert einen der beiden mit den Worten: „Soll ich einen moralischen Kompass als Mitmensch und einen anderen als Journalist haben? Das funktioniert nicht.“ 
 

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