We’ve got a bigger problem now

Runde 1.
 
Ist es wirklich notwendig, einen Blog zum Kulturrelativismus ins Leben zu rufen, weil ein Wissenschaftsjournalist grobschlächtig über unser Fach generalisiert? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber zugegeben: Weber ist kein Einzelfall. Auch in der „Zeit“ konnte man vor einiger Zeit einen Artikel lesen, der den Begriff Kulturrelativismus mit moralischer Indifferenz gleichsetzte. 
 
Demnach fliegen hier gleich mehrere Bedeutungen des Begriffs unordentlich durcheinander. Natürlich ist Kulturrelativismus erst einmal nur eine methodische Voraussetzung in der Ethnologie. Wer das Verstehen fremder Gesellschaften als Erkenntnisziel setzt, stellt sich selbst ein Bein, wenn er das mit Hilfe der Werte und Ideen seiner eigenen Gesellschaft zu tun versucht. Wer hingegen den Kulturrelativismus auf der methodischen Ebene angreift, sollte mit gleicher Schärfe mit Thermometern und Mikroskopen ins Gericht gehen, denen ja ebenfalls der Ruf moralischer Indifferenz anhaftet. 
 
Aber zweifellos steckt in der Methode – wie auch in Thermometern und Mikroskopen – eine Politik, und es ist ein Teilaspekt dieser Politik, den Weber angreift. Ethnolog_innen gehen zunächst mit der Voraussetzung ins Feld, dass die Leute dort, so wie sie sind, in Ordnung sind – und das unabhängig davon, ob es sich um amazonische Ureinwohner oder Investmentbanker handelt. Der Unterschied ist natürlich, dass die Investmentbanker seltener mit Menschen zu tun haben, die ihre Lebensweise grundsätzlich nicht in Ordnung finden und außerdem über die Mittel verfügen, diese Lebensweise zu verhindern; im Unterschied also zu jenen Vertretern von Staat, Wirtschaft und Fortschritt, denen die vermeintlichen Barbareien der Ureinwohner hervorragend in den Plan passen. Wenn die Ethnolog_innen den Ureinwohnern hier einen gewissen Bonus zuschreiben, kann man ihnen das nicht verübeln. Denn wenn Ethnolog_innen Praktiken wie Fehden und rituelle Verstümmelungen verständlich zu machen versuchen, dann ist das nicht nur eine Frage des Erkenntnisinteresses – obwohl das allein als Grund genügen würde. Es ist auch eine Gegenrede gegen die Heerscharen der Verurteiler, die dergleichen mit aller Macht verbieten wollen, ohne genauer hinzusehen. Diese Politik des Kulturrelativismus sagt nicht: Die Indigenen sind doch alle so lieb! Sie sagt viel mehr: Seid aufmerksam! Fragt, bevor ihr verbietet! Denkt komplexer! Diese Art von Kulturrelativismus ist kein genereller Kulturapologismus, sondern ein Warnschild: Geschwindigkeit bremsen – gefährdete Lebensweisen! 
 
Doch dazu haben die Kolleginnen und Kollegen, die sich auf dieser Seite äußern, haben schon vorzügliche Arbeit geleistet. 
 
 
Runde 2.
 
Deshalb noch einmal zurück zur Anfangsfrage und zurück zur Antwort auf einem anderen Weg: Ist der Artikel von Herrn Weber Grund genug für einen solchen Blog? Auch wenn das nicht der Fall ist, hängen am Thema Kulturrelativismus genug Herausforderungen, denen sich zu stellen es lohnt. 
 
Derzeit stecken wir zwischen zwei Radikalitäten. Auf der einen Seite hat sich aus derselben Forderung, die den Kulturrelativismus methodisch und politisch stark gemacht hat, die sogenannte „Ontologische Wende“ in der Ethnologie ergeben. In ihren etwas weniger durchdachten Fassungen erscheint darin Ontologie als anderes Wort für Kultur, aber in ihren reflexiveren Versionen besteht zwischen den beiden Begriffen ein substanzieller Unterschied. Dies nur, um vor einfachen Verwechslungen zu warnen, auf jeden Fall aber vermag die ontologische Wende die radikale Auffassung zu vertreten, dass andere Praktiken und Kommunikationsformen auch andere Welten implizieren – dann leben die Modernen, die Achuar oder die Yukaghir eben nicht in derselben Welt. 
 
Auf der anderen Seite aber finden wir einen wachsenden Diskurs über das Postfaktische und „alternative Fakten“, der die meisten von uns zutiefst beunruhigt. Wenn Donald Trump ein Millionenpublikum zu seiner Inauguration herbeiredet, ist kaum jemand fasziniert von dem „Worlding“, das er da betreibt – dann erfolgt der Ruf nach Fakten, die den Gang der Lügen aufhalten, weil sie sich als widerständiger erweisen. Wenn die mexikanische Mauer oder das Waterboarding nur als „alternative Fakten“ zustande kämen, fein – aber weit berechtigter als diese Aussicht ist die Befürchtung, dass die von Trump herbeifantasierte Welt bald die restlichen Erdbewohner okkupieren wird: Tlön, Uqbar, Orbis Tertius (Borges). 
 
Wer für Kulturrelativismus und den Gedanken des Weltenbildens ist, so wie ich, der muss sich in diesem Konflikt zu wappnen wissen, und das ist alles andere als moralische Indifferenz. 
Um das Argument noch einmal zu wiederholen: In den Studien, die gemeinhin unter „Ontologische Wende“ zusammengefasst werden, finden sich kritische Science Studies ebenso wie eine überraschend wiedererstarkte Aufmerksamkeit für nicht-moderne Kosmologien und Epistemologien. Aus dieser Perspektive erscheint manche (aber nur manche) Studie über Globalisierungsphänomene in der Ethnologie wie ein Kniefall vor den pragmatisch-präpostfaktischen Epistemologien der Soziologie oder der Politikwissenschaften. In den Science Studies von Latour & Co. hingegen erscheinen wissenschaftliche Befunde nicht mehr als über alle Stürme kulturellen Wandels erhabene Fakten, sondern als eingebettet, eingeknotet in Prozesse der Wirklichkeitsherstellung, an denen Menschen wie Nicht-Menschen gleichermaßen teilhaben. Diese ethnographische Aufmerksamkeit, die die Akteur-Netzwerk-Theorie (und verwandte Richtungen) der Wissensproduktion widmen, ist von der Ethnologie dankbar aufgenommen worden: Wenn Wissenschaftler, Geräte, Mikroben und Strahlen gemeinsam Wirklichkeit produzieren, welche Netze finden wir dann in Gesellschaften mit anderen Akteuren? Wie sehen Wirklichkeiten aus, die von Dividuen, Geistern und Tieren gemeinsam produziert werden? 
 
Es wäre zu kurz gegriffen, in diesen Erkenntnisprojekten nur eine Re-Exotisierung der Fremden zu sehen, gewissermaßen eben jene rosafarbene Nachtseite des Kulturrelativismus, die Christian Weber angreift. Zum einen benötigt Denken grundsätzlich das „Exo/tische“, das Äußere, um überhaupt zur Reflexion zu kommen: Man braucht etwas da draußen „to wrap your mind around“ – kein Denken ohne Differenz, und je radikaler die Differenz, desto facettenreicher das Denken. 
 
Zum zweiten führt aber gerade die Verkoppelung mit den Science Studies zur Dezentrierung des Westens: Wissenschaft ist gültig, aber nicht aus Gründen eines ontologischen Privilegs, sondern aus denselben Gründen, aus denen auch andere Welt- und Wissenssysteme Gültigkeit beanspruchen können – weil Wissen in Netzen von Akteuren und Aktanten produziert wird. 
Zum dritten schließlich geht es vielen Vertretern der ontologischen Wende, anders als den radikaleren Kulturrelativisten, eben nicht um die Unvereinbarkeit der Welten und ihre gegenseitige Exklusivität. Im Gegenteil, ihre stete Verknüpfung zählt zu den Hauptthemen vieler rezenter Studien. Das betrifft insbesondere den Begriff der Indigenität – wie Marisol de la Cadena argumentiert, ist Indigenität nicht etwas, was eine bestimmte Gruppe „hat“, sondern tritt erst in Beziehung zum Staat und zu anderen Welten zum Vorschein. Außerdem beobachtet sie, dass Vertreter indigener Gruppen, weit davon entfernt, in lokaler Beschränktheit zu verharren, die Koexistenz der Welten weitaus souveräner handhaben als, zum Beispiel, Investmentbanker. Daher sehen viele Vertreter der ontologischen Wende, wie z.B. de la Cadena oder Viveiros de Castro, in ihrer Wissenschaft auch ein eindeutig politische Motivation: die Beziehung der Welten weniger exklusiv, respektvoller und ziviler zu gestalten. 
 
Wie aber sieht es aus Sicht solcher Kosmovision mit der Kosmopräsidentschaft von Herrn Trump aus, eines Menschen, der den Klimawandel ignoriert und gerade davor steht, ihn für nichtexistent zu erklären? Sollte uns dergleichen veranlassen, unseren Latour als Ballast abzuwerfen, um umso rascher ans feste Ufer der „unumstößlichen Fakten“ zurück zu rudern? Oder hat die Trumpsche Kosmovision ein ebensolches Recht wie die von Menschenrechtsorganisationen attackierten Frauenbeschneider_innen, zunächst unter Verzicht auf moralische Urteile ernst genommen zu werden? Also, Brechreiz bitte unterdrücken: Ergibt sich nicht aus dem Respekt, ja der Begeisterung, die Ethnolog_innen der Vielfalt der Welt(sicht)en entgegenbringen, die Forderung, auch diese neue Welt in den Kreis der Möglichen aufzunehmen? 
 
Zum einen: Ja, sicher; es ist trotz allem gut, dass die Ethnologie die Möglichkeit zur Verfügung stellt, auch dem Trumpversum auf die Spur zu kommen, indem sie ihr Zustandekommen als Praxis, Diskurs usw. unter Dämpfung der eigenen Urteile beschreiben kann. 
 
Zum zweiten: siehe oben, die Gegenrede. Kulturrelativismus kann per definitionem keine absolute Setzung sein, das würde ihm selbst widersprechen. Wie Louis Dumont („On value“) argumentiert hat, bedeutet Kulturrelativismus immer Relativierung: das In-Bezug-Setzen einer Kultur zu einer anderen. Deswegen ist Kulturrelativismus relational, nicht objektiv; er erhellt eine spezifische Differenz zwischen Kulturen, anstatt Kulturen verallgemeinernd zu isolieren. So gesehen, verliert die Entscheidung zwischen einem „schwachen“ und einem „starken“ Kulturrelativismus an Dringlichkeit, wenn die verbindende Universalie als Differenz, nicht als Identität gefasst wird. So können z.B. Dumont zwischen Indien und Europa oder Viveiros de Castro zwischen Amazonien und Naturwissenschaft starke Kontraste setzen, aber diese als Umkehrungen formulieren – der Unterschied ist Verbundenheit im Rahmen eines spezifizierten Kontextes des Vergleichs. 
 
Ethnolog_innen sollten den Relativismus als Praxis auffassen, der in Kontexten stattfindet – und es ist gerade der ethnologische Sinn für Kontext, Kontingenz und Komplexität, der es ermöglicht, Kulturrelativismus zu praktizieren. Als Methode mag der Kulturrelativismus ein gewisses Primat beanspruchen; als Politik hingegen steht er jedes Mal vor der Frage: Was für ein Argument ist er in dem Zusammenhang, in dem argumentiert wird? Für wen ist er Gegenrede und für wen Fürsprache? In die Antwort ist auch das eklatante Machtgefälle zwischen Indigenen und Investmentbankern, Präsidenten und Präsidierten tunlichst einzurechnen. 
 
Drittens schließlich, und im Anschluss daran: Solange Latour an Bord ist, wird er uns mahnen, nicht nur auf die Menschen zu hören, sondern auch den Nichtmenschen eine Stimme zu verschaffen. Sein „Parlament der Dinge“ mag der Kosmo-Politik ein allzu eurozentrisch-demokratisches Gepräge geben, aber die Grundidee ist wichtig: Über die Wirklichkeit bestimmt nicht allein das Wahlvolk. Konstruktion von Wirklichkeit bedeutet Möglichkeit, nicht Beliebigkeit. Gerade weil die Nicht-Menschen – die Kameras, die Wetterverhältnisse, der Kohlendioxid – ein Wörtchen mitzureden haben in der Konstruktion der Wirklichkeit, ist sie nicht willkürlich. Wer jedoch die Stimme des Wetters, der Atmosphäre, des Meeresspiegels zum Schweigen bringen will, wird bald feststellen, dass auch die eigene Stimme nicht weit reicht: Dann schrumpft die Wirklichkeit. 
 
Das Vierte schließlich ergibt sich meines Erachtens daraus: In der gemeinsamen Welt sind stets Gegenwelten eingeschlossen. Sie lassen sich marginalisieren, aber niemals abschaffen: Der Prozess des Weltenmachens lässt sich nicht von der Differenzierung abhalten. Nationalismus ist ein Versuch, eine „reine“ Welt zu schaffen, die nur noch sich selbst reproduziert. Aber, wie Latour in anderer Hinsicht argumentiert hat, sind solche Reinigungsprojekte die sicherste Methode, das Sprießen der Hybridwelten anzufachen. Wer dieses Prinzip politisch nicht respektiert, wird zum Opfer der Geschichte. 
 
Ich bedanke mich bei den Teilnehmerinnen meines Mastercolloquiums vom 31. 1. 2017 für die anregende Diskussion zu dem Thema: Maria Holdik, Giulia Mansueto, Theresa Mentrup, Leena Sabastian. Wer sich fragt, warum ich den englischen Titel gewählt habe, möge auf Wikipedia „California über alles“ nachlesen. 
 

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