Kulturrelativismus und Aufklärung

Eine Debatte über den Umgang mit Fremdem

DER BLOG MACHT EINE URLAUBSPAUSE BIS ZUM SEPTEMBER. WIR WÜNSCHEN EINEN SCHÖNEN SOMMER!

Unter dem Titel Dschungelmärchen erschien am 15./16.10.2016 eine Polemik gegen die Ethnologie in der Süddeutschen Zeitung (online unter dem Titel Die Mär vom edlen Wilden am 17.10.2016).  Der Autor Christian Weber zeichnet darin ein Bild des Faches, das die Ethnologie als unheilbringende und gefährliche Verklärerin barbarischer Verhaltensweisen erscheinen lässt, gehe doch der in die Gründung der Ethnologie eingeschriebene Kulturrelativismus mit der Rechtfertigung von Gesellschaftsformen und kulturellen Praktiken einher, die nach demokratischen und rechtstaatlichen Maßstäben abgeschafft gehörten.

Die Radikalkritik der sich seit der Aufklärung als ‚Wissenschaft vom kulturell Fremden’ formierenden Ethnologie hat unter Ethnologinnen und Ethnologen zahlreiche öffentliche, halb- und nichtöffentliche Reaktionen hervorgerufen. Auch die Redaktion Siegen/Nordwest der Zeitschrift für Kulturwissenschaften findet, dass Webers an so prominenter Stelle erschienene Polemik nicht unbeantwortet bleiben sollte und wichtige Fragen aufwirft, die nicht zuletzt in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten um europäische Werte und den Umgang mit dem Fremden gestellt und beantwortet werden sollten. Wir nehmen daher den Artikel zum Anlass, die Diskussion zu bündeln und interdisziplinär zu erweitern.

Dem Vorwurf des Kulturrelativismus, der im Artikel von Weber im Zentrum steht, stellt sich an anderer Stelle häufig der Vorwurf des Ethnozentrismus zur Seite. Hierbei wird seit der sogenannten reflexiven Wende der Ethnologie die traditionelle Selbstkritik und Selbsterkenntnis der Ethnologie aufgegriffen und diese Erkenntnis lustvoll dafür genutzt, der Ethnologie als kolonialistische und rassistische Wissenschaft jegliche Legitimation abzusprechen, Aussagen über außereuropäische Kulturen zu machen - sowohl in der Vergangenheit als auch heute. Auch wenn dieser Vorwurf besonders häufig und heftig die Ethnologie trifft, wird er zugleich auch auf andere Wissenschaften, die sich mit dem kulturell Fremden oder anderen Weltregionen beschäftigen, erweitert – etwa die Islam- und Orientwissenschaft oder die Afrikanistik.

Dieser widersprüchliche Doppelvorwurf reduziert die Beschäftigung mit anderen Gesellschaften, Denkformen und Kosmologien auf der einen Seite auf eine bloße Generierung von Herrschaftswissen und auf der anderen Seite auf eine naive und besinnungslose Überidentifikation mit allem Fremden. Dabei wird übersehen, dass in die Beschäftigung mit dem kulturell Fremden die Operation des Kulturvergleichs eingeschrieben ist, die den Blick auf den Anderen auf die eigene Gesellschaft zurückrichtet. Eine inversive Ethnologie, wie sie vielleicht gerade im Deutschland der Nachkriegszeit wichtig wurde, ist aufklärerisch, weil sie im Modus der Kritik operiert: als Kulturkritik. Zugleich kann der Kulturrelativismus des Faches auch gegen eine kritische Ethnologie gewendet werden und zur Rechtfertigung von Ausgrenzung und Gewalt dienen.

In diesem Blog zu Kulturrelativismus und Aufklärung soll dieses Spannungsverhältnis überdacht und diskutiert werden. In wöchentlicher Folge werden wir an dieser Stelle Beiträge veröffentlichen, die über die Geschichte und die Aufgabe der Ethnologie, ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung, ebenso wie ihr Verhältnis zur Aufklärung und ihre gesellschaftspolitische Relevanz reflektieren.

Wir bedanken uns beim GSSC, dass es uns auf seiner Homepage ein Forum dafür zur Verfügung stellt und weisen hiermit darauf hin, dass die hier geäußerten Meinungen nicht die Meinung des GSSC wiedergeben. Der Blog wird betrieben in Zusammenarbeit mit dem Sonderforschungsbereich Medien der Kooperation an der Universität Siegen.

Redaktion: Ehler Voss (V.i.S.d.P., Universität Siegen), Martin Zillinger (Universität zu Köln) & Christoph Antweiler (Universität Bonn)

Falls Sie Interesse haben, selbst einen Beitrag zu verfassen, melden Sie sich bitte bei Ehler Voss (ehler.voss [at] uni-siegen.de)